Charlotte
Kapitel 1
Einer meiner Lehrer sagte während meiner
Ausbildung mal zu mir: "Menschen
verändern sich, Erinnerungen nicht"
Wie recht er doch hatte!
Stella-Lou, sie war Ende 50, arbeitete in
einer kleinen Einrichtung für demenzkranke Menschen, hatte einiges an
Ausbildungen in Abendschulungen hinter sich gebracht und war seit 23 Jahren
verheiratet mit Constantin genannt Conni. Ihre 2 Kinder gingen lange schon ihre
eigenen Wege und studierten in anderen Städten. Sie bewohnte mit Conni zusammen
ein kleines Haus mit Garten am Stadtrand und hatte einen Bobtail Namens Pluto.
Sie interessierte sich sehr für die Antike, diese Epoche aus dem Mittelmeerraum
faszinierte sie schon in ihrer Jugend sehr, ebenso Burgen, Schlösser,
Klöster, das späte Mittelalter, die Inquisition ect.
Aus diesem Grund nahm sie ab und zu an einigen Veranstaltungen und Vorträgen
teil, wie an jenem Tag, an dem ihr Charlotte begegnete.
Sie trafen sich auf einer dieser
Vorträge, wo es um die Kraft des Glaubens, und um die Kraft der Gedanken ging.
In der Pause kamen sie recht schnell ins Gespräch und es schien, als seien sie
auf einer Wellenlänge.
Charlotte war sehr direkt, fast schon zu direkt. Lou mochte zwar Menschen, die
gerade heraus waren, dennoch war es eigenartig, immerhin kannten sie sich
gerade mal erst 90 Minuten. Charlotte bot Lou auch schnell das "Du"
an, was sollte sie davon halten... sie bedankte sich, und nahm es etwas zögerlich,
aber gerne an, was Charlotte schmunzeln ließ. Sie fragte, ob Lou ihr richtiger
Name sei, oder ein Kosename, sie kenne diesen Namen sonst nur als Männernamen.
Lou antwortete daraufhin, das ihr vollständiger Name Stella-Lou sei, aber schon
als Kind alle Lou zu ihr sagten. "Und wenn es mal ernst wurde, dann bot
sich mein Name mal in vollem Einsatz." Das amüsierte Charlotte. Sie hatte
etwas ganz Besonderes an sich, sie strahlte etwas aus, was Lou faszinierte und
sie irgendwie anzog.
Nach der Veranstaltung standen sie noch
einige Zeit draußen und unterhielten sich und ließen ihren Gedanken zum Vortrag
freien Lauf.
Sie hatten so viel zu erzählen über eigene
Erfahrungen und viele andere Dinge, das Lou den Vorschlag machte, noch in ein
kleines Café zu gehen, welches gleich dort um die Ecke wäre, am Theater.
Charlotte stimmte erfreut ein, und kurze Zeit darauf saßen die beiden Frauen im
Café am Theater und redeten über Gott und die Welt. Meist sprach Charlotte, sie
sprach über sich, über ihre Reisen in ferne Länder, über ihre Beziehungen. Sie
schien glücklich darüber zu sein, in Lou eine so gute Zuhörerin gefunden zu
haben und sie erzählte ihr aus ihrem Leben.
Es war für Lou wie eine Reise in die Vergangenheit dieser Dame, sie war 86 Jahre alt, sehr elegant gekleidet und hatte ein sehr gepflegtes Äußeres. Sie sagte, sie lebte bis vor kurzem in einer etwas entfernteren größeren Stadt. Vor etwa 3 Monaten sei sie umgezogen, hier her in diese kleine Kreisstadt. Sie hatte eine alte Villa in ihrer Heimatstadt, die sie für gutes Geld verkaufen konnte, da sie viel zu groß für sie alleine war. Charlotte verfügte über ein sehr großes Allgemeinwissen, Lou hörte ihr gespannt zu und die Zeit verging wie im Fluge, sie saßen dort im Cafe` fast 3 Stunden, und sie kamen ihnen vor wie 30 Minuten.
Als sie sich verabschiedeten, umarmte Charlotte sie ganz leicht, ganz vorsichtig, als wäre Lou aus Glas, es passte so gar nicht zu ihrer Art, die sie an dem Abend von ihr kennengelernt hatte. Lou erwiderte ihre Umarmung, und bedankte sich bei ihr für die schöne Unterhaltung, und die schönen gemeinsamen Stunden, mit den Worten: "vielleicht trifft man sich ja mal wieder". Ohne zu zögern sagte Charlotte: "Nächste Woche, gleicher Tag 15:30 und sei pünktlich !" sie drehte sich um und ging. "Ähm...OK" konnte Lou ihr nur noch nachrufen, und die alte Dame hob daraufhin ihren rechten Arm, ohne sich umzudrehen,
um ihr zu verstehen zu geben "geht klar" !!
Sie trafen sich von da ab regelmäßig, immer in diesem kleinen Cafe. Charlotte kam stets mit einem Taxi vorgefahren und sie bestellte sich immer das Gleiche- einen Milchkaffee mit Karamellsirup und ein kleines Stückchen Zuckerkuchen, den sie manchmal zur Hälfte an die kleinen Spatzen verfütterte, wenn sie bei schönem Wetter draußen im Café- Garten saßen.
Lou freute sich immer auf die Tage an denen sie sich trafen, sie waren für sie etwas Besonderes. Sie hatte zwar immer viel um die Ohren, was ihren engen Zeitplan manchmal kollabieren ließ, aber irgendwie bekam sie es immer geregelt, pünktlich am Treffpunkt zu sein, ohne jemanden oder etwas zu vernachlässigen.
Lou wusste vom ersten Treffen schon sehr viel über Charlottes Leben, und mit jedem Treffen erfuhr sie mehr daraus. Es kam ihr vor wie ein spannendes Buch was sie zu lesen begann, und mit jeder weiteren Woche kannte sie immer mehr Kapitel daraus.
Charlotte lebe alleine, sie hatte keine Kinder, und ihr Mann war vor 5 Jahren verstorben. Sie hatte Germanistik studiert und war die letzten Jahre im Verlag ihres Mannes als Journalistin tätig gewesen.
Sie erzählte von ihrer ersten und einzigen großen Liebe, die sie im Krieg kennengelernt hatte, sie war damals zarte 17 Jahre jung gewesen. Mit "ihm" wollte sie eine Zukunft aufbauen, viele Kinder haben und bis an ihr Lebensende glücklich sein, sie waren so glücklich und so jung..
Das Schicksal wollte es leider anders. Ihre gemeinsame Zeit dauerte nur 8 Monate und 3 Tage- wie Charlotte berichtete- dann wurde ihr Herzensmann auf der Flucht aus Schlesien, von einem Granatsplitter getroffen und musste in einem Feldlazarett dringend versorgt werden und dort zurückbleiben. Charlotte setzte alles daran bei ihrem Liebsten bleiben zu können, aber ihr Vater untersagte es ihr, der Flüchtlingstreck musste weiter ziehen und Charlotte musste mit. Es zerriss ihr das Herz, Charlotte sagte, "man kann es nicht beschreiben, was ich durchlebt habe, wenn man es nicht selbst gefühlt hat."
Er hieß Jonathan,
war 22 Jahre alt, hatte kastanienbraune Augen, schwarzes welliges Haar und den schönsten Mund den man sich denken kann, Charlottes Augen glänzten und funkelten wie Edelsteine als sie von ihm erzählte. Es hörte sich an wie eine never ending Lovestory, und doch endete sie so traurig und tragisch. Charlotte ließ nicht nur ihren über alles geliebten Jonathan zurück, sie verlor auch das Kind, was sie von ihm unter ihrem Herzen trug, durch all die damaligen, widrigen Umstände des Krieges. Sie nannte es liebevoll "mein Schmetterling" und sie begrub es mit ihren Händen unter einem Kirschbaum. Ihr Vater stand ihr bei und band ein kleines Kreuz aus Ästen, steckte es auf die kleine Grabstätte und nahm seine Tochter liebevoll in seine Arme. Sie hatten einen Kirschbaum in ihrem Garten in der Heimat in Schlesien, um dessen Blüten flatterten im Frühjahr immer viele Schmetterlinge umher. Und immer wenn sie einen blühenden Kirschbaum sehen würde, dann würde er sie erinnern, an ihren kleinen Schmetterling, der so zart in ihrem Bauch geflattert hatte. Sie sah ihren Jonathan niemals mehr wieder, sie erfuhr es nie, ob er überlebt hatte oder an den Folgen seiner Verletzung verstorben war. Charlottes Vater half ihr beim recherchieren, wenn es um die Listen der Vermissten ging, und um die Familienzusammenführungen.Charlotte erzählte, dass sie sich in all den vielen Jahren nie wieder verliebt hatte, sie konnte ihr Herz nie mehr öffnen, zu tief saß diese eine wahre Liebe, deren Platz kein anderer einnehmen sollte. Sie sagte, dass sie viel gereist sei beruflich, sie kenne den halben Erdball, und dass es auch den ein oder anderen Mann an ihrer Seite gab, mal inniger und intensiv, mal kurzweilig und auch mal längere Zeit, aber keiner konnte den Platz von ihrem Herzensmann einnehmen. Sie hat irgendwann dann, in späteren Jahren geheiratet. Sie nannte es eine Vernunftsehe. Sie erzählte offen, unbefangen und unzensiert. Derart offene Gespräche hatte Lou nicht mal mit ihrer Mutter geführt, wenn überhaupt, dann vielleicht mit ihrer besten Freundin. Manchmal bekam sie beim Zuhören ganz rote Ohren vor Scham, doch sie genoss die Gesellschaft von Charlotte und lauschte gebannt ihren Erzählungen. Charlotte war für sie ganz "besonders"💗
Jeder Mensch der uns auf unserem Weg eine Weile begleitet, lässt etwas für uns da. Die einen sind für uns eine Herausforderung, die anderen ein Segen, wieder andere sind unsere Lehrer. Charlotte war für Lou ein SEGEN, und später, was sie zu der Zeit noch nicht wusste, war sie einer ihrer Lehrer.
Diese Frau sollte ihr einfach begegnen, vom Himmel geschickt, um sie hier auf Erden zu treffen.
Als der Herbst seinen Einzug hielt, die Blätter sich verfärbten, und die Luft würzig roch, verloren die gemeinsamen Kaffeestunden ihre Regelmäßigkeit. Charlotte hinterließ im Café immer öfter eine Nachricht für Lou, dass sie verhindert sei. Lou machte sich Sorgen, dass sie erkrankt sein könnte, oder ihr der Weg von mal zu mal schwerer fallen würde. Sie dachte auch daran, dass ihr vielleicht ihre Gesellschafft zu langweilig wäre, oder zu unwichtig.
Sie haben nie die Adressen oder Telefonnummern ausgetauscht, was ihr jetzt erst bewusst wurde, und was sie natürlich jetzt auch sehr bereute, dass sie daran nicht auch selbst gedacht hatte. Sie zerbrach sich den Kopf, wie sie Charlotte finden könne, sie wusste so viel von ihr, aber es war immer nur ihre Vergangenheit und das, was in diesem Augenblick, hier und jetzt, am wichtigsten gewesen wäre, wusste sie nicht:
Wo wohnte sie, und wie konnte sie Charlotte finden ???
Sie dachte hoch und runter, im Kreis und über Eck, ihr war vom denken schon ganz schwindelig, und sie fand keine Antwort....
Toll, spitze macht neugierig. GELI
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