Kapitel 2 -Schwanensee-
Es vergingen Tage und Wochen in denen Lou immer wieder in das kleine Café
ging, stets in der Hoffnung es würde irgendwann ein Taxi halten Charlotte
würde aussteigen und fröhlichen Fußes dort herein spazieren.
...aber sie kam nicht, es kamen auch keine
Nachrichten mehr von ihr.
Die nette Bedienung fragte Lou
irgendwann mal, wo denn ihre "ältere Freundin" sei, ob sie krank
sei und wie es ihr gehen würde. Lou antwortete, dass sie es nicht wüsste,
und dass es sie ganz traurig und unruhig machen würde, mittlerweile war es ja
schon 4 Wochen her, das sie gemeinsam das letzte mal dort zusammen saßen.
Die Kellnerin setzte sich einige Minuten zu Lou, legte ihre Hand auf die ihre
und sagte, dass es ihr sehr leid tun würde und das sie ihr gerne helfen möchte,
aber sie wüsste auch nichts näheres. Sie sagte, sie habe Charlotte auch das
erste mal in ihrer Begleitung hier in dem Café gesehen. Sie schaute Lou noch
einmal mit diesem "es tut mir echt leid" Blick an, stand dann auf und
ging ihrer Arbeit weiter nach.
Lou bezahlte und wollte gerade gehen, als ihr die Kellnerin einen Zettel
reichte, auf dem die Telefonnummer von einem Taxiunternehmen stand.
Charlotte bat stets die Kellnerin. nach dem gemeinsamen Treffen, für sie
ein Taxi zu rufen.
"nur so eine Idee..." sagte sie
und lächelte.
Mit der Telefonnummer in der Hand machte
sich Lou auf den Heimweg. Sie setzte sich zu Hause sogleich an ihren PC um nach
dem Taxiunternehmen zu suchen, und rief dort an. Die Dame am andern Ende war
nicht gerade die Freundlichkeit in Person, eher so der "wer nervt mich da
jetzt" Typ,
und daher auch nicht gerade kooperativ. Sie kam mit den Worten
"Datenschutz" und sie wäre auch bestimmt nicht bereit, jetzt nach den
Routen und den Fahrern von vor 6 Wochen zu suchen, und im übrigen müsse die
Leitung jetzt auch wieder frei gemacht werden, für die richtigen Kunden,
die Geschäfte müssten ja schließlich weiterlaufen, und sie sei ja auch nicht
die Auskunft.
….und schon knackte es in der Leitung und
von Frau "Wernervtmichda" ward nichts mehr zu hören.
"Ok," dachte sich Lou, "so
komme ich also nicht weiter." Sie nahm den Zettel mit dem Logo vom
Taxiunternehmen, setzte sich in ihr Auto und fuhr Richtung Stadt, in der
Hoffnung, am Bahnhof oder in der Innenstadt, jene Wagen zu finden, deren
Fahrer sie direkt fragen könnte.
Einige Taxen mit dem Firmenlogo kamen ihr entgegen, bei anderen sah sie nur
noch die Rücklichter. Sie suchte sich einen Parkplatz und ging zu Fuß zum
Taxistand. 5 Wagen standen dort hintereinander, manche mit geöffneter Tür,
dessen Fahrer auf die Tür gelehnt an ihren Wagen standen, zwei
andere standen neben ihren Taxen und unterhielten sich.
Der Fahrer auf den sie zuging, es war einer derer, der sich auf seine Tür
lehnte, kam zum Fond des Wagens und öffnete gleich die Tür, in
der Hoffnung, dass er einen Fahrgast habe.
Lou lächelte, schüttelte aber den Kopf und begrüßte den Herrn mit einem netten
"Hallo". Sie kam gleich auf den Punkt, und stellte ihm die Frage,
weswegen sie ihre Runden hier drehte, aber er verneinte und verwies sie weiter
an seine Kollegen, vielleicht, so sagte er, könnten die ja weiterhelfen. Sie
erinnerte sich dann an das Telefonat mit der abgenervten Suse. Vielleicht
durften die Fahrer auch nichts über ihre Fahrten ausplaudern, und mussten
dieses auch bei ihrer Einstellung unterschreiben, wer weiß.
An dem Tag hatte Lou auch kein Glück. Die Fahrer waren alle sehr höflich,
aber es konnte sich keiner an die alte Dame vom Theater erinnern. Sie
fuhr heim, enttäuscht und unzufrieden.
In den nächsten Tagen musste sie arbeiten
und hatte zudem auch noch sehr viel im Haus und Garten zu tun. Die Fenster
mussten dringend geputzt werden, damit man die Nachbarn mal wieder sehen
konnte, sie hatte Verabredungen mit Freunden, Arzttermine und im Garten stand
das Unkraut so hoch, dass man den kleinen Hund ihrer Freundin nicht mehr sehen
konnte, wenn sie zu Besuch kam und den kleinen Fiffi dabei hatte.
Die Suche nach Charlotte musste erst einmal hinten angestellt werden.
Prioritäten setzen hatte Tilda, ihre Freundin, die mit dem Fiffi,
jene die immer versuchte sie auszubremsen, ihr schon oft geraten. Und
überhaupt, was ging sie die alte Dame denn an, weshalb sollte sie nach ihr
suchen?!
Sie war weder ihre Oma, noch ihre Tante, nicht mal eine Verwandte. "Ich
sollte jetzt lieber an mich denken, damit habe ich vorerst genug zu tun."
sagte Lou zu sich selbst. "Alles hat seinen Sinn, sagt man doch. Und wenn
sie jetzt wieder aus meinem Leben verschwunden ist, dann sollte es so sein.
Menschen kommen und gehen, und wenn sie hätte bleiben wollen, hätte sie mir
ihre Telefonnummer und ihre Adresse gegeben ! PUNKT .
Ende der Durchsage, und jetzt Ruhe im Kopf !"
Weitere zwei Wochen zogen ins Land, und
Charlotte geriet schon fast in Vergessenheit, als nette Erinnerung auf
Stella-Lou`s Weg. Es war September, ein schöner Monat, die Natur färbte sich
ganz allmählig bunt und die Luft roch ab und zu schon würzig nach Herbst,
obwohl die Temperatur noch sehr warm erschien.
Hanna, eine Studienfreundin, rief an und fragte Lou, ob sie Lust hätte sie
ins Theater zu begleiten, sie habe ein Abo und ihr Mann sei erkrankt. Lou
fragte kurz nach dem Stück, und wann sie sich treffen würden, und sagte spontan
zu.
Sie hatte noch genau dreieinhalb Stunden Zeit, um alles was noch wichtig war
zu erledigen. Sie rüschte sich ein wenig auf und fuhr dann
mit der S- Bahn Richtung Stadt.
Um 18 Uhr sollte das Stück beginnen, es hieß " Der Mann IM
Klavier"
und war super lustig.
An manchen Stellen haben die Freundinnen so herzlich und laut gelacht,
dass sich die Herrschaften in den vorderen Reihen zu ihnen umdrehten und
pschschscht zischelten. Manchmal hatte Hanna nur über Lou gelacht, weil
sie einen Lachflash nach dem anderen bekam, und dieser ja bekanntlich
ansteckend ist.
Hanna hat Lou anschließend noch in das
kleine Café am Theater eingeladen, nur für ein kleines Stündchen, sagte sie.
Sie bestellte für sich eine Karaffe Rotwein, und für Lou einen Cocktail
mit Kokosnuss und Ananas, dann verschwand sie in Richtung WC.
Lou schaute sich um, sah die anderen Besucher, und die Erinnerungen an
Charlotte und an ihre gemeinsamen schönen Stunden waren wieder
präsent.
Hanna und Lou plauderten an diesem Abend
über ihre Studienzeiten und ihre Familien und vieles mehr, und vergaßen darüber
hinaus Zeit und Stunde. Mittlerweile war es schon nach 23 Uhr, die S- Bahn fuhr
jetzt nicht mehr stündlich und im Lokal stellte man bereits die Stühle
hoch.
Hanna bestellte über ihr Handy ein
Taxi, und sagte zu Lou sie könne mitfahren, dann bräuchten sie nur ein Taxi.
Praktisch gedacht, aber nur lukrativ fürs Taxiunternehmen, da ihre Freundin und
sie in entgegengesetzter Richtung wohnten. Nach nicht mal 10 Minuten fuhr
das Taxi vor, Hanna verabschiedete sich, bedankte sich für den netten
Abend, stieg ein und der Wagen setzte sich in Bewegung.
Lou genoss noch einen kurzen Moment diese himmlische Ruhe als letzter Gast und
trank ihren Cocktail aus. Die ihr bekannte, freundliche Kellnerin war schon im
Feierabendendspurt, wischte die Tische ab und leerte die Mülleimer aus.
Lou musste jetzt auch starten, und kramte in ihrer Handtasche nach ihrem Handy.
Dabei fiel ihr der Zettel mit der Telefonnummer von dem Taxiunternehmen
in die Hand, den ihr jene Kellnerin vor Wochen mal gab. Sie wählte die Nummer,
bestellte sich ein Taxi zum Lokal, wünschte der Bedienung noch
einen schönen Feierabend und verließ das kleine Café.
Es dauerte nicht lang und das bestellte Taxi fuhr vor. Lou stieg
ein und nannte dem Fahrer ihre Adresse. Sie lehnte sich im Sitz
zurück und ließ den Abend noch einmal Revue passieren und ihr kam auch
Charlotte wieder in ihre Gedanken.
Ihr Verstand sagte ein klares und deutliches "nein" aber ihr Mund und
ihr Verstand waren in dieser Nacht, in diesem Moment und in diesem Taxi nicht
so ganz einer Meinung....
Und sie hörte ihre Stimme, wie diese den grau beschläften netten
Herrn, der dort vor ihr am Steuer des Taxis saß, nach Charlotte
fragte. Der Fahrer hörte zu, wie Lou Charlotte beschrieb und wann sie sich
immer trafen. Er antwortete nicht, es kam von ihm nur ein kurzes
"hmmm"....
Als der Fahrer in die ihm genannte Straße einbog, in der Lou zu Hause war und
ihr den Fahrpreis nannte, gab sie ihm einen 50€ Schein. Er holte aus seiner
Geldtasche das Wechselgeld raus und schrieb etwas auf einen kleinen Block.
Lou sagte ihm, dass ich keine Quittung bräuchte, aber er reichte ihr dennoch
mit dem Wechselgeld zusammen die Quittung, und wünschte ihr noch einen
schönen Abend. Sie erwiderte dieses und stieg aus.
Sie schloss die Haustür auf, legte ihre
Tasche und das Wechselgeld samt Quittung auf dem Küchentisch ab, und zog
Schuhe und Jacke aus. Der Hund begrüßte sie kurz mit einem Nasenstubser und
ging zurück in sein Körbchen. Lou hörte ihren Mann aus der oberen Etage, wie er
einen Baum absägte, sie nahm sich ein Glas kaltes Wasser aus der Leitung,
setzte sich auf einen Stuhl in der Küche und schaute auf die Uhr. Die
aufkeimende Hoffnung,
morgen früh frisch und munter aus dem Bett hüpfen zu können, verschwand. Ihr
Blick fiel auf die Taxi- Quittung vor ihr, sie nahm sie, schaute drauf und
wollte sie gerade zerknüddeln, da sah sie den kleinen Pfeil, ganz unten rechts,
drehte den Zettel um und dort stand eine Straße mit Hausnummer:
"Ahornallee 73".
Lou konnte es kaum glauben, das war bestimmt die Adresse von Charlotte, und sie
saß in dem Taxi, dessen Fahrer Charlotte nach Hause brachte, einmal, zweimal,
oder öfter, sie freute sich sehr !
Die nächsten Tage hatte sie viel zu erledigen, zudem auch noch Spätdienst,
sodass sie keine Zeit fand zu der besagten Adresse zu fahren.
Am Freitag war ihr freier Tag und dadurch hatte sie ein verlängertes
Wochenende. Sie nahm sich vor, dann zu Charlotte zu fahren, sie musste sowieso
den Einkauf fürs Wochenende erledigen und die Ahornallee lag ganz in der Nähe
des Einkaufcenters
Am Samstagvormittag belud Lou die
Familienkutsche mit Leergut, Altglas für den Container, Einkaufstaschen ect.
und stellte das Navi auf die Ahornallee 73 ein. Sie war schon ein wenig
aufgeregt, sollte sie noch Blümchen holen, oder Pralinen, was würde Charlotte
sagen, wenn sie sie sah, würde sie sich noch an sie erinnern....?
Auf gings in Richtung Stadt. Nach etwa 15 Minuten war sie fast
angekommen,
`an der nächsten Ampel rechts abbiegen,
dann die nächste Straße links` sagte das Navi, und kurze Zeit später meldete es
sich wieder zu Wort:
`sie haben ihr Ziel erreicht, das Ziel
liegt links!`
Ein hübsches Altbauviertel, mit
dreistöckigen Mehrfamilienhäusern. Einige Häuser hatten einen Balkon mit
schönen verschnörkelten Brüstungen daran, sehr hübsch und aufwendig
verarbeitet. Die Häuser wurden vor einigen Jahren von Grund auf restauriert.
Lou erinnerte sich daran, sie hatte es damals im städtischen Lokalteil gelesen,
dass Investoren gesucht wurden. Es dauerte, bis sich diese fanden, da die
Baumaßnahmen mit hohen Kosten verbunden waren.
Die Straße war schmal, mit Parkstreifen
für Anwohner und nur sehr wenige Parkbuchten für Besucher. Rechts und links
säumten Mandelbäume die Straße, und es ließ erahnen wie diese im Frühjahr in
voller Blüte stehen würden. Lou parkte den Wagen in der Nebenstraße direkt am
Schwanensee und ging
zu Fuß zum Haus mit der Nr. 73.
Drei Eingangstüren waren dort. Lou schaute auf die Klingelknöpfe, sie wusste
natürlich den Nachnamen von Charlotte nicht und hoffte, dass Vor- und Zuname
auf den Namensschildern standen. Die ersten 6 schloss sie schon mal pauschal
aus, die nächsten 6 Namen an der 2. Tür brachten sie auch irgendwie nicht
weiter. An der letzten Tür sollte Lou aber vielleicht Glück haben.
Dort stand
zumindest ein Ch. von Brevenbacher.
Ch. kann natürlich auch ein Christoph,
Christoffer, oder Christian vielleicht auch Christine sein, oder ähnlich. Sie
musste jetzt mal richtig mutig sein und auf jenen Klingelknopf drücken!
"Jetzt drück, oder fahr wieder heim und vergiss diese ganze Aktion.
Schlimmstenfalls drückt oben ein Herr dann auf den Summer, lässt Dich rein und
erklärt Dir, dass hier im Hause keine Charlotte wohnt," sagte ihre innere
Stimme bestimmend. Also drückte sie den Klingelknopf und ihr Herz begann zwei
Schläge schneller zu schlagen...
hätte es aber gar nicht brauchen, denn es tat sich nichts.
Sie drückte erneut auf den Knopf, und
wartete geduldig. Nichts ! Lou versuchte es jetzt noch ein letztes mal,
aller guten Dinge sind ja bekanntlich drei, und dann wars das. Sie drückte ein
weiteres mal auf den Klingelknopf und hörte zeitgleich im Hausflur eine
Wohnungstür ins Schloss fallen und Schritte im Hausflur. Die Haustür öffnete
sich und eine elegant gekleidete Dame, schätzungsweise Mitte/Ende60, kam
heraus. Sie sahen sich kurz an und die Dame fragte : "kann ich ihnen
helfen, zu wem möchten sie denn?" Lou sagte ihr, dass sie eine ältere Dame
suchen würde, gab die Beschreibung von Charlotte an und fügte hinzu, dass sie
auch leider sonst nichts von ihr wüsste nur diese Adresse. Die Dame war
sehr freundlich und sagte ihr, dass ihre Beschreibung auf ihre Nachbarin
zutreffen würde, die über ihr wohnte, diese aber leider vor vier Wochen mit der
Rettung abgeholt wurde. Näheres konnte sie ihr leider auch nicht sagen. Sie
meinte noch, dass sie eines Abends ein lautes Poltern hörte, und dann war
Stille. Sie sagte, sie sei dann hoch gegangen zu Charlotte und die Wohnungstür
war nur angelehnt. Frau von Brevenbacher saß im Flur auf dem Boden,
den Telefonhörer noch in der Hand haltend. Sie hatte
wahrscheinlich mit letzter Kraft die Wohnungstür noch selbst geöffnet und
dann die Nummer der Rettungsleitstelle gewählt, bevor sie zusammengesackt sei.
Die Nachbarin erzählte weiter: "sie bat mich noch ihr ein paar Sachen in
eine Reisetasche zu packen und einige Utensilien aus dem Bad zusammen zu
suchen, bevor der RTW eintraf. Sie konnte mir auch nicht sagen, was ihr fehlte,
oder ob und wo sie Schmerzen hatte." Die Nachbarin fragte freundlich, ob
sie eine Verwandte sei, was Lou verneinte. Sie sagte dann, dass ihr das alles
sehr leid täte, wünschte ihr alles Gute und ging dann ihrer Wege. Was für`n
Bullshitt, jetzt hatte sie Charlotte gefunden, und doch nicht gefunden.
Was sollte das, warum dieses hin und her, dieses Versteckspiel. Ihr Verstand
sagte ihr "mach n` dicken Strich drunter" aber ihr Herz sprach eine
andere Sprache: "es gibt nur zwei Kliniken, fahre sie an".
Jetzt ging sie aber erstmal Richtung See, der war nicht weiter als 50
Meter von den Wohnblöcken entfernt, und sie setzte sich auf eine Bank, Gedanken
ordnen!
Sie dachte über die Worte der Nachbarin nach, sah in Gedanken Charlotte im
Flur am Boden sitzen, diese taffe Frau, ruft selbst den Rettungswagen und
öffnet mit letzter Kraft die Wohnungstür für ihre Retter. Was war nur passiert,
was hatte sie ? War es ein Herzinfarkt, Schlaganfall, ein Zuckerschock...
Zwei Schwäne schwamm auf dem See, was für eine Idylle, sooo schön, und
Charlotte liegt in der Klinik, statt sich mit ihr darüber freuen zu können,
über diesen schönen Moment. Lou verweilte noch einige Minuten auf der Parkbank,
hörte dem Gesang der Vögel und dem Plätschern der Wasserfontäne zu und ging
dann Richtung Auto zurück. Sie wusste noch nicht, was sie tun sollte.
Würde sie jetzt die Krankenhäuser abfahren um nach Charlotte zu suchen, sie
auch finden, dann übernahm sie auch ein Stück Verantwortung für sie, wollte sie
das denn, sie muss schon für so vieles Verantwortung übernehmen.
Lou bat den Himmel um Hilfe und sandte ein Stoßgebet nach oben, wie jedes
mal wenn sie sich nicht entscheiden konnte und ihr der nötige Abstand der Dinge
fehlte. Es sind dann nur ein- zwei Worte, aber sie weiß dann, sie kann
erstmal loslassen und es wird sich finden, was zu tun ist. Wie sagt sie doch
immer so treffend, wenn sie die Entscheidung abgibt:
"Der Herrgott wird`s schon richten."
An dieser Stelle sei vermerkt, dass, als
die Entscheidungskraft verteilt wurde, Lou im Keller saß und schlief !!!
Lou saß mittlerweile in ihrem Auto, die
Fensterscheiben halb runtergelassen und der Motor war gestartet, sie lehnte
sich noch mal kurz zurück und holte tief Luft. Dann fuhr sie stadtauswärts
Richtung "Großer Stern", um ihre Einkäufe zu erledigen. An der
Kreuzung Großer Stern muss sie links abbiegen um zum Einkaufspark zu gelangen,
und doch ordnete sie sich rechts ein. "Bin ich jetzt durchs viele Denken
total bescheuert? ,,,ich glaub` ich sollte dringlichst einen Arzttermin machen
am Montag, so fängt Vergesslichkeit und Inkompetenz im Alter an, tolle Sache,
man wird wunderlich und merkt es nicht mal- Herzlichen Glückwunsch- wie immer
kommt alles auf einmal, und so plötzlich....!!!" Typisch Lou, dachte sie
sich noch und setzte ihre Fahrt- jetzt hochkonzentriert fort.
Sie konnte sich jetzt verkehrstechnisch aber nicht mehr umorientieren, es gab
keine Wendemöglichkeit die nächsten zwei Kilometer, überall war vorgeschriebene
Fahrtrichtung, da mittig die Straßenbahnspuren und die Haltestellen waren.
Dieser Weg führte auch nicht zum Einkaufscenter, zu dem sie wollte, aber direkt
vor ihr lag, in unmittelbarer Nähe, das Städtische Klinikum.
Zimmer 2/14, nun stand sie vor der Tür, hob ihre Hand zum klopfen, machte noch einen tiefen Atemzug und schloss ihre Augen für ein paar Sekunden. Dann klopfte sie an die Tür. Sie lauschte, konnte aber von drinnen keinen Laut hören. Lou öffnete die Tür und trat in das Zimmer. Das Bett war leer, die Decken fein säuberlich zurecht gelegt. Das Zimmer war sehr komfortabel und hübsch eingerichtet. Es gab einen großen Flachbildschirm- Fernseher, eine Kompaktanlage und einen Kühlwürfel für Getränke. Ein großer Spiegel hing an der Wand und eine kleine Sitzgarnitur, bestehend aus einem Zweiersofa und einem Sessel sowie einem runden Tischchen mit einem Blumenstrauß darauf, es verlieh diesem Krankenzimmer ein wenig Hotelcharakter. Das Zimmer verfügte auch über einen Balkon, dessen Tür offen stand und die Gardine wehte ins Zimmer. Lou ging darauf zu, machte den Vorhang zur Seite und sagte leise " Hallo" ! Charlotte saß in einem braunen, bequemen Korbsessel, die Beine auf einem dazu passenden Hocker gelagert, sie war mit einer Wolldecke zugedeckt, so saß sie da, vertieft in einem Buch. Sie schaute kurz zur Seite und sah Lou an. Charlotte ließ ihr Buch auf ihren Schoß sinken und lächelte. "Dieses Lächeln von ihr würde Lou für alle Zeit in Erinnerung bleiben, es war so besonders und es drückte so viel aus, was man nicht mit Worten sagen konnte", dachte sie und sie setzte sich in den Sessel der gleich links an der Balkontür stand. Es trennte sie nur das kleine Glastischchen. Sie ließ ihre Tasche auf den Boden sinken und sie legte ihre Hand auf den Tisch, mit der Handfläche nach oben. Charlotte legte ihre Hand in die ihre und Lou legte ihre andere Hand auf Charlotte ihre Hand. Wortlos sahen sie sich an und Charlottes Augen füllten sich mit Tränen. Sie sagte nach einer Weile: "wie hast du mich gefunden?" "Ich habe nach dir gesucht", antwortete Lou "es ist viel passiert, Kleines", sagte Charlotte "es ist so viel passiert."
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