Kapitel 3 - Marmeladengläser Glücksmomente
...und die Zeit rannte nur so dahin.
Es war mittlerweile 17:30 Uhr, es klopfte an der Tür und ein Pfleger kam mit dem Abendessen ins Zimmer, stellte das Tablett auf dem kleinen Tisch am Fenster ab und ging dann raus auf den Balkon. Er wandte sich mit einem freundlichen Lächeln an Charlotte, mit den Worten: "Hallo Frau von Brevenbacher, ich habe ihnen ihr Abendessen gebracht, darf ich ihnen kurz behilflich sein?"
"Oh ja Markus, vielen Dank, das ist
sehr nett von ihnen," entgegnete Charlotte freundlich. Lou stand auf, als
der Pfleger zu Charlotte ging. Er nahm die Wolldecke von ihren Beinen, faltete
sie zusammen, und hob vorsichtig ihre Beine vom Hocker. Markus schob den Hocker
in die hintere Balkonecke, legte die Decke darauf und streckte Charlotte die
Hände entgegen. Charlotte nahm wortlos seine Hände und der nette Pfleger half
ihr beim Aufstehen, hakte sie unter und streichelte dabei kurz ihre Hand, die
auf seinem Arm ruhte. Schritt für Schritt gingen sie zusammen ins Zimmer,
zuerst zum WC und dann zum Tisch. Lou schloss die Terassentür und stellte den
Hebel auf Kippstellung. Markus hob die Schutzhaube ab, die das Abendessen
abdeckte und wünschte Charlotte "Guten Appetit", dann ging er mit den
Worten "ich komm dann nachher noch mal zu ihnen, Frau von Brevenbacher,
bis später."
Charlotte schaute auf ihr reichhaltiges
Abendessen und fragte Lou ob sie sie dazu einladen dürfe. Sie verneinte lachend
und sagte ihr, dass sie noch ein paar Besorgungen machen müsse und sich jetzt
dann auch verabschieden würde. Sie fragte Charlotte ob sie irgendetwas für sie
tun könne, oder sie etwas für ihr Abendessen benötigt. "Ja mein
Herz", sagte sie," auf dem Tisch vom Balkon liegt meine Serviette,
würdest du sie mir bitte holen?"
Lou holte die Serviette, reichte sie ihr
und Charlotte platzierte diese auf ihrem Schoß. Lou nahm ihre Tasche und sagte,
dass sie am Montag wiederkommen würde und ob sie einen Wunsch habe, was sie ihr
mitbringen könne. Charlotte sagte, das Essen wäre sehr gut, Vorlieben und
Wünsche, auch bei den Getränken, würden berücksichtigt werden. Vielleicht ein
Duschgel und Zahnreinigungstabletten, alles andere hätte sie noch
vorrätig.
Lou suchte in ihrer Tasche nach einem Stift und ihrem Notitzbüchlein
und schrieb ihre Handynummer, die Festnetznummer und ihren Namen darauf, riss
die Seite raus und reichte sie Charlotte mit den Worten: "du kannst mich
zu jeder Tages- und Nachtzeit anrufen." Sie beugte sich zu ihr runter,
umarmte sie sanft, küsste sie auf die Wange und sagte "wir sehen uns
Montag."
An der Tür drehte sie sich noch mal zu ihr
um, sie saß da, mit dem Zettel in ihrer Hand, schaute ihr nach und
lächelte.
Als sich die Zimmertür hinter Lou schloss,
spürte sie ihre aufsteigenden Tränen, die sie zu unterdrücken versuchte. Sie
atmete tief ein und legte sich die linke Hand fest auf ihren Mund, jetzt bloß
nicht losheulen...
Sie ging den Korridor entlang in Richtung
Schwesternzimmer. In den Gängen war das Rumpeln des Essenswagen zu hören. Im
Quergang am Fenster stand eine kleine Sitzgruppe, bestehend aus einem kleinen,
runden Tisch und 3 Stühlen, auf die sie zuging und sich dort auf einen der
Stühle setzte. Sie nahm wieder Stift und Block aus ihrer Tasche und notierte
nochmals Namen und die Telefonnummern, in der Absicht, diese im
Schwesternzimmer abgeben zu können, für den "was wäre wenn Fall" !
Im Schwesternzimmer war zu dieser Zeit leider niemand anzutreffen und auch
in den Gängen war ebenfalls keine Pflegekraft zu sehen. Hinzu kam, dass
sie eigentlich schon längst im Supermarkt hätte sein sollen und es schon
fast 19:30 war !!!
Das Geräusch des rumpelnden Essenswagen bestärkte ihre Hoffnung auf die
Chance, ihren Zettel doch noch loswerden zu können, sonst wäre es erst am
Montag möglich gewesen, was aber auch kein Drama wäre. Bevor sie den Weg zum
Ausgang einschlug, ging sie, in der Hoffnung auf ein bisschen Glück, doch noch
mal einen Umweg in Richtung des Rumpelgeräusches. Sie hatte Glück und sah den
Pfleger Markus. " Dürfte ich sie um etwas bitten", fragte sie ihn und
er sagte sehrt freundlich "na klar" ! worum geht`s ?" Sie
reichte ihm ihren Infozettel und sagte ihm, für den Notfall, falls irgendetwas
mit Frau von Brevenbacher sein sollte, würden sie mich dann bitte umgehend
anrufen ?Der Pfleger schaute auf den Zettel
und fragt Lou, ob sie mit ihr verwandt sei, und Lou verneinte dieses.
"Dann sind sie der Vormund von Frau von Brevenbacher" fragte Markus.
Auch das musste sie verneinen. "Dann müssen wir erst Frau von Brevenbacher
in Kenntnis setzen und mit ihr absprechen ob wir Auskunft geben
dürfen." sagte er. "Das dürfen sie sehr gern, ich bitte darum"
sagte Lou daraufhin, bedankte sich und ging, nicht ohne ihm noch einen schönen
und ruhigen Abend zu wünschen. Mit einem nun etwas flotteren Schritt ging
sie Richtung Ausgang.
Als sie später, um 21:30, zur Haustür reinkam, bepackt mit 3 Einkaufstaschen,
die so schwer waren, als hätte sie im Steinbruch eingekauft, kam ihr Ehemann
ihr schon aufgeregt entgegen gestürmt, nahm ihr die Taschen ab und redete
ohne Punkt und Komma, warum sie nicht an ihr Handy ginge, er hätte
sich die Finger wund gewählt und schon fast eine Vermisstenanzeige
aufgegeben, es hätte ja auch was passiert sein können, und warum habe sie denn
eigentlich ein Handy, wenn sie doch
nicht drangehe wenn's klingelt. Auch die Mädels wussten nicht wo
sie hätte sein können, und so weiter, und so weiter, und so weiter....
Irgendwann beruhigte er sich wieder und
sie räumten zusammen den Einkauf in Schränken und Vorratsraum.
Der Abendbrottisch war schon gedeckt und ihr Pluto auch versorgt. Sie setzten
sich und Lou begann zu erzählen warum sie so lange unterwegs war.
Als sie später auf ihr Handy schaute, waren 36 WhatsApp Nachrichten drauf von 5
Personen und 10 Anrufe in Abwesenheit. "Wouw" schon fast Promi-Like.
Nachdem sie das Geschirr gespült und sich
noch einen Tee gekocht hatte, setzte sie sich zu ihrem Mann ins Wohnzimmer und
beantwortete ihre Fanpost. Es flimmerte eine Gameshow über den Bildschirm des
Fernsehers.
Sie setzte sich in den Schwingsessel am
Fenster, betrachtete das Muster der Tasse in ihrer Hand und ließ den
vergangenen Tag noch einmal Revue passieren, mit all seinen Facetten. Dabei
versuchte sie, alles was sie in ihrem Kopf gespeichert hatte, von diesem Tag,
jedes Gespräch, sei es mit Charlotte gewesen, mit der Nachbarin oder all den
anderen Menschen denen sie heute begegnete, zu ordnen, zu verstehen und
anzunehmen in seiner Wichtigkeit und Bedeutung.
Am nächsten Morgen wachte Lou sehr früh auf, sprang in T-Shirt und
Jogginghose- ihr Lieblingsoutfit- und ging leise nach unten in die Küche.
Sie stellte die Kaffeemaschine an, putzte ihre Zähne und machte eine kurze
Katzenwäsche. Dann nahm sie ihre Tasse mit Kaffee und einem Schuss Sahne mit
nach draußen und setzte sich in die kleine Sitzecke neben dem Rosenbusch.
Gedankenverloren saß sie da. Sie dachte über so vieles nach, über alles
Mögliche und Unmögliche, über ihr Leben, über ihre Kindheit, über Wünsche und
Träume. Sie hörte dabei dem Morgengesang der Vögel zu, nahm ihre Tasse und
machte ein paar Schritte durch den Garten. Sie ging an den Büschen und Bäumen
entlang und schaute zu den Blumenrabatten. "Hier gibt es wieder einiges zu
tun für mich in den nächsten Tagen" dachte sie , "Sträucher
schneiden, Unkraut zupfen, die Rosen beschneiden, neue Triebe anbinden und die verwelkten
Knospen ausknipsen." Sie bewunderte die wunderschönen Rosen in ihrem
Garten, viele verschiedene Sorten und Arten, Buschrosen, Kletterrosen,
Strauchrosen und Rosenstämmchen, sie liebte Rosen. In diesem Jahr war sie ganz
verliebt in eine ganz besondere Rose die am alten Ziehbrunnen steht,
39 lachsfarbene Blüten trug sie in diesem Jahr, sie hatte vor 2 Wochen die
Blüten gezählt. Sie hatte sie vor 3 Jahren gepflanzt, im September, sie war ein
Geburtstagsgeschenk, von Tilda. Mit Freude betrachtete sie ihre Schönheit, die
so vergänglich ist, wie alles lebendige aus Gottes Schöpfung. Die
Blüten sahen so makellos aus, so kunstvoll, selbst die, die schon verblüht
waren hatten noch ihren zauberhaften Reiz.
Lou atmete die Kühle des erwachenden Tages
ein, hörte die Melodie der Natur, die sie so liebte und dachte noch einmal
an die Ereignisse des gestrigen Tages. Sie dachte an Charlotte
und was sie ihr erzählt hatte von dem Abend, als sie zusammengebrochen war, von
ihrem Versuch Hilfe zu holen, sie dachte daran, wie anonym doch manche
Menschen lebten, die keinerlei Angehörige haben. Lou ging zum Rosenpavillon und
setzte sich auf einen der beiden kleinen Metallstühle, zog die Beine an
ihren Körper und trank den letzten Schluck ihres, mittlerweile lauwarmen
Kaffees. Sie dachte über die Diagnose nach, die die Ärzte bei Charlotte
stellten. Sie musste unglaubliche Schmerzen gehabt haben, sie sagte, sie habe
schon in der Vergangenheit immer mal Kopfschmerzen gehabt. Anfangs halfen noch
Schmerztabletten, aber die Abstände wurden immer kürzer und die Schmerzen
heftiger. Und im Herbst, als die gemeinsamen Treffen ausblieben, hat sie einen
Arzt aufgesucht, um abklären zu lassen, was die Ursache für die immer stärker
werdenden Schmerzen sein könnten, denn mittlerweile wurden sie auch schon mal
von Übelkeit und Erbrechen begleitet. Im MRT hat man dann ein Aneurysma
festgestellt, eine Aussackung in einer Arterie im Gehirn. Ihr wurde gesagt, sie
könne damit leben, müsse aber vorsichtig sein, auch auf Grund ihres Alter, und
mit Medikamenten müsse sie gut eingestellt werden, sowie auch in kurzen
Abständen immer zur Kontrolle. Sollte sich ihr Zustand verschlimmern, das kann
auch ganz plötzlich sein, müsse sie sofort in eine Klinik und auch sehr
wahrscheinlich operiert werden. Fragen über Fragen... "was wird werden,
was wird noch kommen, was für Behandlungen werden durchgeführt, und hab` ich
jetzt dadurch, dass ich bei ihr war und meine Telefonnummern dort hinterlassen
hatte, auch meine Verantwortung für Charlotte von Brevenbacher, dort hinterlegt
?"
Lou`s Gedanken drehten sich wieder mal im Kreis. Sie stand auf, stellte
ihre Kaffeetasse auf dem kleinen Glastisch ab und ging mit nackten Füßen einige
Schritte durchs Gras, blieb stehen, holte tief Luft und gab, mit jedem mal wenn
sie ausatmete, alles über ihre Fußsohlen der Erde ab, das, was sie belastete
und ihre Gedanken verwirrte. Und mit jedem tiefen Atemzug den sie tat, gelang
es ihr, mehr und mehr wieder im hier und jetzt zu sein und sie wurde ruhiger,
sie hatte sich wieder erden können. Das "erden" war immer ihre
Notfallmedizin aus der Naturapotheke, wenn sie das Gefühl hatte, den Boden
unter ihren Füßen zu verlieren, und da war es auch absolut egal, ob Schnee
draußen lag oder 39 Grad im Schatten. Sie ging noch ein paar Schritte durchs
kühle, leicht feuchte Gras und wieder waren ihre Gedanken bei Charlotte. Es
waren so viele Fragen, die nicht ausgesprochen wurden, die Zeit war auch zu
knapp...es war alles noch so unwirklich, so weit weg, nicht greifbar und doch
so akut und schlimm. Ihre alte liebenswerte Freundin dort in der Klinik so
hilflos zu sehen, nicht zu wissen wie stabil ihr Allgemeinzustand war, machte
Lou sehr zu schaffen. Sie sah bei ihrem Besuch gestern so zerbrechlich aus und
das sprechen schien ihr schwer zu fallen. Sie sprach leise und langsamer, als
sie es von ihr kannte. Es könnte allerdings auch eine Nebenwirkung ihrer
Medikation gewesen sein, die schläfrig machen. Da Charlotte nun schon einige
Zeit in der Klinik war, wurde sicherlich auch schon eine Behandlungstherapie
begonnen, um ein weiteres Risiko zu verhindern. Lou musste dringend bei ihrem
nächsten Besuch Charlotte direkt darauf ansprechen, denn einen der Ärzte wird
sie nicht sprechen können, wegen der Schweigepflicht und so...
Ein Geräusch riss Lou aus ihren Gedanken, ihre Fellnase kam über den Rasen
geflitzt und er sprang mit seinen dicken Vorderpfoten auf ihre helle Jogginghose
für ein liebevolles "Hallo Frauchen" -ein kleiner 20 Sekunden
Anflug von schei..., über die Pfotenstempel auf der hellen Hose- verzog sich
schnell in - mein wundervolles Plüschtier, du machst mir soooo viel Freude
!!!
Nicht weit entfernt von Pluto dem Plüschteppich auf 4 Pfoten, war auch Connie
zu sehen, wie er mit Kaffeetasse und Zigarette bewaffnet in den heimischen
Garten kam. Vorbei mit der morgentlichen Ruhe, dachte Lou, und kehrte
gedanklich ins hier und jetzt zurück.
Fortsetzung folgt...

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