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Sonntag, 21. August 2022

Charlotte Kapitel 3

Kapitel 3 - Marmeladengläser Glücksmomente

Charlotte erzählte Lou von jenem Abend, als sie vom Rettungswagen abgeholt wurde, sie erzählte ihr warum sie nicht mehr zu ihren Treffen kam.
...und die Zeit rannte nur so dahin. 
Es war mittlerweile 17:30 Uhr, es klopfte an der Tür und ein Pfleger kam mit dem Abendessen ins Zimmer, stellte das Tablett auf dem kleinen Tisch am Fenster ab und ging dann
 
raus auf den Balkon. Er wandte sich mit einem freundlichen Lächeln an Charlotte, mit den Worten: "Hallo Frau von Brevenbacher, ich habe ihnen ihr Abendessen gebracht, darf ich ihnen kurz behilflich sein?"

"Oh ja Markus, vielen Dank, das ist sehr nett von ihnen," entgegnete Charlotte freundlich. Lou stand auf, als der Pfleger zu Charlotte ging. Er nahm die Wolldecke von ihren Beinen, faltete sie zusammen, und hob vorsichtig ihre Beine vom Hocker. Markus schob den Hocker in die hintere Balkonecke, legte die Decke darauf und streckte Charlotte die Hände entgegen. Charlotte nahm wortlos seine Hände und der nette Pfleger half ihr beim Aufstehen, hakte sie unter und streichelte dabei kurz ihre Hand, die auf seinem Arm ruhte. Schritt für Schritt gingen sie zusammen ins Zimmer, zuerst zum WC und dann zum Tisch. Lou schloss die Terassentür und stellte den Hebel auf Kippstellung. Markus hob die Schutzhaube ab, die das Abendessen abdeckte und wünschte Charlotte "Guten Appetit", dann ging er mit den Worten "ich komm dann nachher noch mal zu ihnen, Frau von Brevenbacher, bis später."

Charlotte schaute auf ihr reichhaltiges Abendessen und fragte Lou ob sie sie dazu einladen dürfe. Sie verneinte lachend und sagte ihr, dass sie noch ein paar Besorgungen machen müsse und sich jetzt dann auch verabschieden würde. Sie fragte Charlotte ob sie irgendetwas für sie tun könne, oder sie etwas für ihr Abendessen benötigt. "Ja mein Herz", sagte sie," auf dem Tisch vom Balkon liegt meine Serviette, würdest du sie mir bitte holen?" 

Lou holte die Serviette, reichte sie ihr und Charlotte platzierte diese auf ihrem Schoß. Lou nahm ihre Tasche und sagte, dass sie am Montag wiederkommen würde und ob sie einen Wunsch habe, was sie ihr mitbringen könne. Charlotte sagte, das Essen wäre sehr gut, Vorlieben und Wünsche, auch bei den Getränken, würden berücksichtigt werden. Vielleicht ein Duschgel und Zahnreinigungstabletten, alles andere hätte sie noch vorrätig. 
Lou suchte in ihrer Tasche nach einem Stift und ihrem Notitzbüchlein und schrieb ihre Handynummer, die Festnetznummer und ihren Namen darauf, riss die Seite raus und reichte sie Charlotte mit den Worten: "du kannst mich zu jeder Tages- und Nachtzeit anrufen." Sie beugte sich zu ihr runter, umarmte sie sanft, küsste sie auf die Wange und sagte "wir sehen uns Montag."
An der Tür drehte sie sich noch mal zu ihr um, sie saß da, mit dem Zettel in ihrer Hand, schaute ihr nach und lächelte. 
Als sich die Zimmertür hinter Lou schloss, spürte sie ihre aufsteigenden Tränen, die sie zu unterdrücken versuchte. Sie atmete tief ein und legte sich die linke Hand fest auf ihren Mund, jetzt bloß nicht losheulen...

Sie ging den Korridor entlang in Richtung Schwesternzimmer. In den Gängen war das Rumpeln des Essenswagen zu hören. Im Quergang am Fenster stand eine kleine Sitzgruppe, bestehend aus einem kleinen, runden Tisch und 3 Stühlen, auf die sie zuging und sich dort auf einen der Stühle setzte. Sie nahm wieder Stift und Block aus ihrer Tasche und notierte nochmals Namen und die Telefonnummern, in der Absicht, diese im Schwesternzimmer abgeben zu können,  für den "was wäre wenn Fall" !
Im Schwesternzimmer war zu dieser Zeit leider niemand anzutreffen und auch in den Gängen war ebenfalls keine Pflegekraft zu sehen. Hinzu kam, dass sie eigentlich schon längst im Supermarkt hätte sein sollen und es schon fast 19:30 war !!!
Das Geräusch des rumpelnden Essenswagen bestärkte ihre Hoffnung auf die Chance, ihren Zettel doch noch loswerden zu können, sonst wäre es erst am Montag möglich gewesen, was aber auch kein Drama wäre. Bevor sie den Weg zum Ausgang einschlug, ging sie, in der Hoffnung auf ein bisschen Glück, doch noch mal einen Umweg in Richtung des Rumpelgeräusches. Sie hatte Glück und sah den Pfleger Markus. " Dürfte ich sie um etwas bitten", fragte sie ihn und er sagte sehrt freundlich "na klar" ! worum geht`s ?" Sie reichte ihm ihren Infozettel und sagte ihm, für den Notfall, falls irgendetwas mit Frau von Brevenbacher sein sollte, würden sie mich dann bitte umgehend anrufen ?
Der Pfleger schaute auf den Zettel und fragt Lou, ob sie mit ihr verwandt sei, und Lou verneinte dieses. "Dann sind sie der Vormund von Frau von Brevenbacher" fragte Markus.
Auch das musste sie verneinen. "Dann müssen wir erst Frau von Brevenbacher in Kenntnis setzen und mit ihr absprechen ob wir Auskunft geben dürfen." sagte er. "Das dürfen sie sehr gern, ich bitte darum" sagte Lou daraufhin, bedankte sich und ging, nicht ohne ihm noch einen schönen und ruhigen Abend zu wünschen. Mit einem nun etwas  flotteren Schritt ging sie Richtung Ausgang.

Als sie später, um 21:30, zur Haustür reinkam, bepackt mit 3 Einkaufstaschen, die so schwer waren, als hätte sie im Steinbruch eingekauft, kam ihr Ehemann ihr schon aufgeregt entgegen gestürmt, nahm ihr die Taschen ab und redete ohne Punkt und Komma, warum sie nicht an ihr Handy ginge, er hätte sich die Finger wund gewählt und schon fast eine Vermisstenanzeige aufgegeben, es hätte ja auch was passiert sein können, und warum habe sie denn eigentlich ein Handy, wenn sie doch nicht drangehe wenn's klingelt. Auch die Mädels wussten nicht wo sie hätte sein können, und so weiter, und so weiter, und so weiter....
Irgendwann beruhigte er sich wieder und sie räumten zusammen den Einkauf in Schränken und Vorratsraum.
Der Abendbrottisch war schon gedeckt und ihr Pluto auch versorgt. Sie setzten sich und Lou begann zu erzählen warum sie so lange unterwegs war.
Als sie später auf ihr Handy schaute, waren 36 WhatsApp Nachrichten drauf von 5 Personen und 10 Anrufe in Abwesenheit. "Wouw" schon fast Promi-Like.
Nachdem sie das Geschirr gespült und sich noch einen Tee gekocht hatte, setzte sie sich zu ihrem Mann ins Wohnzimmer und beantwortete ihre Fanpost. Es flimmerte eine Gameshow über den Bildschirm des Fernsehers.

Sie setzte sich in den Schwingsessel am Fenster, betrachtete das Muster der Tasse in ihrer Hand und ließ den vergangenen Tag noch einmal Revue passieren, mit all seinen Facetten. Dabei versuchte sie, alles was sie in ihrem Kopf gespeichert hatte, von diesem Tag, jedes Gespräch, sei es mit Charlotte gewesen, mit der Nachbarin oder all den anderen Menschen denen sie heute begegnete, zu ordnen, zu verstehen und anzunehmen in seiner Wichtigkeit und Bedeutung. 
Am nächsten Morgen wachte Lou sehr früh auf, sprang in T-Shirt und Jogginghose- ihr Lieblingsoutfit- und ging leise nach unten in die Küche.
Sie stellte die Kaffeemaschine an, putzte ihre Zähne und machte eine kurze Katzenwäsche. Dann nahm sie ihre Tasse mit Kaffee und einem Schuss Sahne mit nach draußen und setzte sich in die kleine Sitzecke neben dem Rosenbusch. Gedankenverloren saß sie da. Sie dachte über so vieles nach, über alles Mögliche und Unmögliche, über ihr Leben, über ihre Kindheit, über Wünsche und Träume. Sie hörte dabei dem Morgengesang der Vögel zu, nahm ihre Tasse und machte ein paar Schritte durch den Garten. Sie ging an den Büschen und Bäumen entlang und schaute zu den Blumenrabatten. "Hier gibt es wieder einiges zu tun für mich in den nächsten Tagen" dachte sie , "Sträucher schneiden, Unkraut zupfen, die Rosen beschneiden, neue Triebe anbinden und die verwelkten Knospen ausknipsen."  Sie bewunderte die wunderschönen Rosen in ihrem Garten, viele verschiedene Sorten und Arten, Buschrosen, Kletterrosen, Strauchrosen und Rosenstämmchen, sie liebte Rosen. In diesem Jahr war sie ganz verliebt in eine ganz besondere Rose die am alten Ziehbrunnen steht, 39 lachsfarbene Blüten trug sie in diesem Jahr, sie hatte vor 2 Wochen die Blüten gezählt. Sie hatte sie vor 3 Jahren gepflanzt, im September, sie war ein Geburtstagsgeschenk, von Tilda. Mit Freude betrachtete sie ihre Schönheit, die so vergänglich ist, wie alles lebendige aus Gottes Schöpfung. Die Blüten sahen so makellos aus, so kunstvoll, selbst die, die schon verblüht waren hatten noch ihren zauberhaften Reiz.
Lou atmete die Kühle des erwachenden Tages ein, hörte die Melodie der Natur, die sie so liebte und dachte noch einmal an die Ereignisse des gestrigen Tages. Sie dachte an Charlotte und was sie ihr erzählt hatte von dem Abend, als sie zusammengebrochen war, von ihrem Versuch Hilfe zu holen, sie dachte daran, wie anonym doch manche Menschen lebten, die keinerlei Angehörige haben. Lou ging zum Rosenpavillon und setzte sich auf einen der beiden kleinen Metallstühle, zog die Beine an ihren Körper und trank den letzten Schluck ihres, mittlerweile lauwarmen Kaffees. Sie dachte über die Diagnose nach, die die Ärzte bei Charlotte stellten. Sie musste unglaubliche Schmerzen gehabt haben, sie sagte, sie habe schon in der Vergangenheit immer mal Kopfschmerzen gehabt. Anfangs halfen noch Schmerztabletten, aber die Abstände wurden immer kürzer und die Schmerzen heftiger. Und im Herbst, als die gemeinsamen Treffen ausblieben, hat sie einen Arzt aufgesucht, um abklären zu lassen, was die Ursache für die immer stärker werdenden Schmerzen sein könnten, denn mittlerweile wurden sie auch schon mal von Übelkeit und Erbrechen begleitet. Im MRT hat man dann ein Aneurysma festgestellt, eine Aussackung in einer Arterie im Gehirn. Ihr wurde gesagt, sie könne damit leben, müsse aber vorsichtig sein, auch auf Grund ihres Alter, und mit Medikamenten müsse sie gut eingestellt werden, sowie auch in kurzen Abständen immer zur Kontrolle. Sollte sich ihr Zustand verschlimmern, das kann auch ganz plötzlich sein, müsse sie sofort in eine Klinik und auch sehr wahrscheinlich operiert werden. Fragen über Fragen... "was wird werden, was wird noch kommen, was für Behandlungen werden durchgeführt, und hab` ich jetzt dadurch, dass ich bei ihr war und meine Telefonnummern dort hinterlassen hatte, auch meine Verantwortung für Charlotte von Brevenbacher, dort hinterlegt ?"
Lou`s Gedanken drehten sich wieder mal im Kreis. Sie stand auf, stellte ihre Kaffeetasse auf dem kleinen Glastisch ab und ging mit nackten Füßen einige Schritte durchs Gras, blieb stehen, holte tief Luft und gab, mit jedem mal wenn sie ausatmete, alles über ihre Fußsohlen der Erde ab, das, was sie belastete und ihre Gedanken verwirrte. Und mit jedem tiefen Atemzug den sie tat, gelang es ihr, mehr und mehr wieder im hier und jetzt zu sein und sie wurde ruhiger, sie hatte sich wieder erden können. Das "erden" war immer ihre Notfallmedizin aus der Naturapotheke, wenn sie das Gefühl hatte, den Boden unter ihren Füßen zu verlieren, und da war es auch absolut egal, ob Schnee draußen lag oder 39 Grad im Schatten. Sie ging noch ein paar Schritte durchs kühle, leicht feuchte Gras und wieder waren ihre Gedanken bei Charlotte. Es waren so viele Fragen, die nicht ausgesprochen wurden, die Zeit war auch zu knapp...es war alles noch so unwirklich, so weit weg, nicht greifbar und doch so akut und schlimm. Ihre alte liebenswerte Freundin dort in der Klinik so hilflos zu sehen, nicht zu wissen wie stabil ihr Allgemeinzustand war, machte Lou sehr zu schaffen. Sie sah bei ihrem Besuch gestern so zerbrechlich aus und das sprechen schien ihr schwer zu fallen. Sie sprach leise und langsamer, als sie es von ihr kannte. Es könnte allerdings auch eine Nebenwirkung ihrer Medikation gewesen sein, die schläfrig machen. Da Charlotte nun schon einige Zeit in der Klinik war, wurde sicherlich auch schon eine Behandlungstherapie begonnen, um ein weiteres Risiko zu verhindern. Lou musste dringend bei ihrem nächsten Besuch Charlotte direkt darauf ansprechen, denn einen der Ärzte wird sie nicht sprechen können, wegen der Schweigepflicht und so...

Ein Geräusch riss Lou aus ihren Gedanken, ihre Fellnase kam über den Rasen geflitzt und er sprang mit seinen dicken Vorderpfoten auf ihre helle Jogginghose für ein liebevolles "Hallo Frauchen"  -ein kleiner 20 Sekunden Anflug von schei..., über die Pfotenstempel auf der hellen Hose- verzog sich schnell in - mein wundervolles Plüschtier, du machst mir soooo viel Freude !!! 
Nicht weit entfernt von Pluto dem Plüschteppich auf 4 Pfoten, war auch Connie zu sehen, wie er mit Kaffeetasse und Zigarette bewaffnet in den heimischen Garten kam. Vorbei mit der morgentlichen Ruhe, dachte Lou, und kehrte gedanklich ins hier und jetzt zurück.        

                                                                       

Fortsetzung folgt...

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