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Sonntag, 28. August 2022

..wer bin ich bin, was mach ich, und wenn ja warum nicht ?!

 ..wer bin ich, was mach ich, und wenn ja warum nicht ?!

Ich bin Mama, Omi von 13 Enkeln, ein Frauchen, und verheiratet...
..mein Leben begann im Oktober 1959 im elterlichen Wohnzimmer auf der Couch und es war, und ist, oftmals so turbulent, dass ich immer mal wieder die Notbremse ziehen muss(te), um auf manchen Streckenabschnitten nicht aus dem Zug zu fliegen.
Ich möchte Euch- auch im Rückblick auf die Vergangenheit- an einigen Stationen aus meinem Leben teilhaben lassen. Es sind Abschnitte, die mein Leben geprägt, vertieft und auch bereichert haben. Es sind aber auch Stationen, die mich zur Verzweiflung brachten und in Traurigkeit hüllten, und mich auch mal den Glauben an die Menschheit verlieren ließen, weil ich mit meinen Sorgen und Nöten ganz allein dastand. Ich wünsche euch als Leser in erster Linie, dass der Stoff nicht langweilig werden möge, denn manche Seiten sind schon echt lang, die Geschichten über die Pflege der Eltern und auch einige "Tiergeschichten", aber wenn ihr nur ein ganz klein wenig für Euch daraus mitnehmen könnt, von dem was ich hier geschrieben habe- und noch schreiben werde-, dann hat es sich schon gelohnt diesen Blog besucht zu haben.
KLEINE  INFO:
Meine Geschichte "Bärenelfe"  erzählt von der Zeit, als wir unsere Eltern zu Haus betreut und gepflegt haben, die Geschichte erstreckt sich über 3 
Kapitel.
Die Seite "Charlotte" ist eine Geschichte, meist fiktiv und ein wenig aus dem Leben, es verschwimmt miteinander. Die Tiergeschichten sind alle real und erlebt. Dann sind da noch eigene Erfahrungs-Gefühls-und Erlebnisgeschichten aus dem Leben und Erfahrungsberichte aus der spirituellen und schamanischen Welt.
Es gibt auch noch was zu Essen hier...d.h. ich teile einige meiner "Rezepte" mit Euch. Oben in der Leiste ist der Link zu meinem Rezepteblog zu finden.
Seit ein paar Monaten gibt es die Seite "Demenz im Alltag begegnen", dort werde ich aus den vergangenen Jahren im Umgang mit Menschen die an Demenz erkrankt sind, berichten und über ein paar Beschäftigungsideen. Die Seite ist aktuell noch in Arbeit. 



Bärenelfe Kapitel 1 (m)eine nicht alltägliche Geschichte

Bärenelfe Kapt.1
Warum heißt meine Geschichte "Bärenelfe" ?

...weil sie von unserem Leben mit meiner Mutter-
meiner kleinen Elfe – und von meinem Schwiegervater-
dem (Brumm)Bären erzählt. 

Frei und ohne Scheu, real und ohne Zensur. Wie sagt man doch so schön, die besten Geschichten schreibt das Leben, und manche Menschen führt das Schicksal zusammen, wie auch meinen Mann und mich.
Ich schrieb´ diese Geschichte mal vor einigen Jahren weil ich ein Ventil brauchte, und weil es Niemanden gab, mit dem ich mich austauschen konnte, dem ich mal meine Sorgen, meine Traurigkeit, meine Wut und meine Ängste erzählen konnte, und für all diejenigen, die in einer ähnlichen Situation waren wie wir, und denen ich Mut machen wollte und ihnen sagen wollte: "Ihr seid nicht allein mit Euren Problemen und es gibt immer Hilfe- vor allem von Dir selbst, durch ein anderes Bewusstsein und durch Veränderungen, wenn DU den ersten Schritt machst"
Und so begann alles…

Manche Begegnungen sind schicksalhaft, anders kann ich das nicht beschreiben. So auch die Begegnung zwischen meinem Mann und mir.

Als wir uns vor 1997 Jahren das erste mal begegneten- beide noch mit anderen Partnern verheiratet- wussten wir noch nichts davon, was mal auf uns zukommen würde, wir wussten nur: da war etwas, was uns zusammenbrachte, was es war, sollten wir erst Jahre später erfahren..

Der Weg dahin war alles andere als einfach, es dauerte seine Zeit, es war tränenreich und mehr als nur schwierig...
wie das so ist, wenn man noch in einer anderen Beziehung steckt, Kinder hat, und nach so vielen Jahren, bei mir waren es immerhin fast 24 Ehejahre mit dem Vater meiner Kinder, ausbricht aus seinem Leben.
Irgendwann war`s dann aber geschafft, und wir hatten eine Basis für eine gemeinsame Zukunft.

Es gab schon zu Beginn unserer neuen Partnerschaft Parallelen. Wir wurden am gleichen Tag, vom gleichen Richter, in der gleichen Stunde geschieden. Und die Parallelen sollten weitergehen im Alltag !

Im Winter 2001 kränkelte meine Schwiegermutter, sie war mehrfach gestürzt, und der letzte Sturz fesselte sie gewissermaßen ans Bett. Sie war rücklinks beim Wäsche abnehmen in die Badewanne gestürzt. Sie kam mit einem Wirbelbruch ins Städtische Klinikum. Etwa zeitgleich ging es auch meinem Vater schlechter.
Er wurde immer gebrechlicher, und kam immer öfter in die Urologische Abteilung des Städtischen Klinikums, weil seine Werte und sein Gesundheitszustand oft alarmierend waren. Mein Vater war schon seit einigen Jahre Nierenkrank und musste einmal wöchentlich an die Dialyse.

Meine Eltern feierten im Oktober 2002 noch ihre Goldene Hochzeit, das hatte sich mein Vater so sehr gewünscht, und auch geschafft, danach ging dann alles leider sehr schnell....
Die Kräfte meines Vaters und auch meiner Schwiegermutter ließen immer mehr nach.
Zum Ende des Jahres 2002 wurde mein Vater dann zum Pflegefall und ihm wurde am 23.Dezember ein Bein amputiert. Parallel war auch meine Schwiegermutter seit geraumer Zeit im Krankenhaus, auch schon als Pflegefall, sie nahm ihre Umwelt nicht mehr wahr. Nach dem letzten Sturz hat sie sich nicht mehr so ganz erholt. Ihr Körper hatte sich zudem jetzt erschreckend verändert, sie hatte große Wasseransammlungen im ganzen Körper. Ihre Beine waren doppelt so dick wie normal, und das Wasser rann ihr aus jeder Pore ihrer Haut.
Am 24. Dezember 2002 gegen 10°°Uhr 30 starb mein Vater an einem septischen Schock, leise und sanft schlief er ein. Er hatte seine OP am Tage zuvor recht gut überstanden, und hatte am 24. Dezember, nachdem er sich über sein Frühstück sehr freute, und dieses auch gegessen hatte, zurückgelehnt und seine Augen für immer geschlossen.
Am gleichen Tag, den 24.Dezember 2002 gegen 21°°Uhr 30 verstarb auch meine Schwiegermutter an einer seltenen Form von Leukämie.
Was nun.....????
Zum Jahreswechsel, nach den Beisetzungen, brach dann mein Schwiegervater zusammen.
Er hatte lange Zeit nicht auf die kleinen Signale in seinem Körper gehört, da dafür keine Zeit blieb. Er hatte sich so aufopferungsvoll die ganzen vielen Monate um seine Frau gekümmert, fuhr täglich mit dem Bus in die Klinik, manchmal sogar 2x am Tag, so dass er darüber hinaus seine eigenen Bedürfnisse und Signale hinten anstellte. Jetzt, wo er zur Ruhe kommen konnte, und keiner mehr da war um den er sich kümmern und sorgen musste, meldetet sich sein Körper. Oft ist das so bei uns, so lange wie wir in Aktion sind und unseren täglichen Adrenalinspiegel- unsere Stresspower- in uns haben, geht's immer weiter. Kommt das Wochenende, oder ein paar langersehnte freie Tage, werden wir auf einmal krank. Und wodurch, weil der Adrenalinspiegel sinkt, der Körper läuft auf "Normalflamme" und darf nun mal seinen Infekt, den er bis dahin gut verstecken konnte, rausschmeißen, hat ja auch "im" Körper nichts zu suchen…

Mein Schwiegervater kam ins Krankenhaus und blieb ca.3 Wochen dort.
Eine Niere arbeitete nicht mehr richtig, und er bekam einen seitlichen Ausgang.
Seine Augen wurden auch immer schlechter, er hatte schon einige Operationen an seinen Augen in der Vergangenheit hinter sich, nun standen noch einige Augen OP’s an.
Und so kam es, dass mein Schwiegervater, der 20 km entfernt von uns lebte, des öfteren bei uns war und bei uns übernachtete. So konnten wir ihn fahren, und hinterher versorgen und uns um ihn kümmern.


Wir wohnten zu der Zeit genau in der Mitte unserer beiden Eltern. Östlich wohnte Opa und westlich von uns in einem kleinen Dorf Oma. Wenn beide dann in ihrem eigenen Zuhause waren, besuchten wir meine Mutter 2 x die Woche, um die wir uns sorgten, ob sie so ganz allein zurechtkam, da uns schon seit geraumer Zeit aufgefallen war, dass sie sich verändert hatte, und am Wochenende besuchten wir meinen Schwiegervater oder umgekehrt. Bei meinem Schwiegervater kümmerten wir uns um die Einkäufe, meist mit ihm zusammen, um seinen Haushalt und die Wäsche, tranken Kaffee miteinander und führten lange Gespräche. Bei meiner Mutter war es nicht ganz so einfach, sie war in der ersten Phase einer Demenzerkrankung, und das machte die Lage etwas schwieriger. Bei ihr ließen wir unsere Besuche tatsächlich wie „Besuche“ aussehen. Wir saßen zusammen, schauten fern, erzählten, oder gingen mit dem Hund spazieren, gingen zum Friedhof und erledigten in dem Zuge die Einkäufe. Den Abwasch, Staubsaugen und Betten machen, sowie die Waschmaschine betätigen konnte meine Mutter zu dem Zeitpunkt noch ganz gut allein.
Zwar sah man schon einige Defizite, aber sie bekam alles noch gut hin. Auch mein Bruder besuchte meine Mutter oftmals, und half ihr im Garten oder machte Besorgungen für sie. Wenn wir wieder heimfuhren hatten wir daher auch kein ungutes Gefühl.
Trotzdem konnte man die Situation, so wie sie zu dem Zeitpunkt war, nicht belassen.  
 

Eine Lösung musste her, denn auf Dauer ging das nicht mehr....

Weiter mit Kapitel 2

Bärenelfe Kapitel 2 Entscheidungen

Kapitel 2 Entscheidungen

Nach reiflicher Überlegung beschlossen mein Mann und ich, uns um unsere verbliebenen Elternteile intensiver zu kümmern.Da es nicht möglich war,
täglich 
20 km von A nach B zu fahren und unser Pflegekind- was wir zu der Zeit noch hatten uns auch brauchte, wir berufstätig waren, haben wir uns nach gutem Überlegen entschlossen, mein Elternhaus umzubauen, um dort alle miteinander einzuziehen.

Notariell wurde alles mit meinen Geschwistern abgeklärt, und wir zogen nach ca.6 monatiger Umbauaktion in unser „Knusperhäuschen“ ein. Zunächst mal in getrennte Wohnungen. 
Mein Schwiegervater bekam ein Zimmer in unserer Haushälfte und meine Mutter hatte ihre gewohnten eigenen 4 Wände, wie zuvor auch schon. Wir trafen uns 4x täglich zu den Mahlzeiten bei uns in unserer großen Wohnküche. Die Anfangszeit war sehr schwierig, weil wir uns alle erst an das neue „Zusammenleben“ gewöhnen mussten. Es gab viele Auseinandersetzungen, sowohl mit meiner Mutter als auch mit meinem Schwiegervater, der versucht hat, sehr dominant zu wirken, und beide noch mit dem Verlust des Ehepartners zu tun hatten.
Bei allen Schwierigkeiten die wir hatten, waren mein Mann und ich uns in jeder Beziehung einig, dass wir beide das alles so wollten, und wir machten uns gegenseitig immer wieder Mut.

Oma und Opa
So vergingen 2 ½ Jahre in denen wir so manchen Spaß, Freude miteinander, manche Sorgen und auch mal Ärger mit Oma und Opa hatten. Wir mussten aus unserer Situation das Bestmögliche machen. Mein Schwiegervater war geistig total klar, dagegen funktionierte das Kurzzeitgedächtnis meiner Mutter immer schlechter. Wir beantragten für sie die 1. Pflegestufe, die auch alsbald befürwortet und genehmigt wurde. Mehr und mehr kamen die täglichen Konflikte auf uns zu. Ich durfte die Wohnung meiner Mutter nicht mehr sauber machen,
weil sie es noch selber könne
, sie tat es aber nicht mehr, nur auf Anleitung wenn ich dabei war. Sie war traurig, missmutig und manchmal ganz schön garstig, wenn ich bei ihr sauber machen wollte. Es war nicht so einfach, da das rechte Maß zu finden, damit wir beide nicht täglich aneinander gerieten. Einfallsreichtum war gefragt....
Wenn ich zum Beispiel Staub saugen wollte bei ihr, reichte ich ihr ein Staubtuch damit sie ihren Schrank und die Anrichte abstauben konnte. Ich sagte ihr im Vorfeld, "Mama wärest Du so lieb und hilfst mir beim abstauben, gemeinsam sind wir schneller fertig, wir wollten doch anschließend noch zum Friedhof (einkaufen, ect.) gehen."
Auch wenn es keine Verabredung im Vorgespräch gab, es hat die ganze Situation einfacher gemacht und das Miteinander erleichtert.
Das hatte in dem Stadium ihrer Demenz sehr gut funktioniert.

Die Körperpflege wurde auch zum Problem. Meine Mutter war immer eine sehr reinliche Frau. Sie wusch oder duschte sich täglich, als sie noch nicht erkrankt war. Die tägliche Körperpflege gelangte nun aber in den Hintergrund, war in Vergessenheit geraten. Auch beim Ankleiden besaß sie nun ihren ganz eigenen Stil. Sie zog manchmal 2 Blusen übereinander oder 2 Pullover. Meine Mutter hatte zum Beispiel in ihrem Kleiderschrank "Bluseneinsätze" auch als Blusenkragen bekannt. Die trug sie immer ganz gerne unter Pullis, die einen V-Ausschnitt hatten. Diese Blusenkragen trug sie nun eine ganze Woche lang, 4 Tage von rechts 3 Tage auf links. Zu fragen oder sie darauf aufmerksam machen, das schenkte ich mir, es artete meist in Aggressionen aus oder es gab Tränen. Ich nahm ihren besonderen "Stile" so hin. Ich konnte sie manches mal dazu bewegen mir ihre Wäsche zu geben, wenn ich sagte, dass ich noch ein paar Wäschestücke brauchen würde, um die Waschmaschine voll zu bekommen. Wenn wir zum Arzt mussten oder außer Haus gingen suchten wir gemeinsam die Garderobe aus, und ich nahm den Schlüssel vom Kleiderschrank an mich. Sie merkte es natürlich, dass der Schlüssel fehlte, aber ich half ihr dann jedes mal beim "suchen". Das konnte ich natürlich nicht immer machen. Das andere mal ließ ich ihr nur die Kleidung im Kleiderschrank, die sie für den nächsten Tag brauchte, alle anderen Kleidungsstücke waren gerade "in der Waschmaschine". Mein Erfindungsreichtum wuchs von Tag zu Tag..... 
Erschwerend kam das „Mutter- Tochter- Verhältnis“ hinzu. Ich bemühte mich um ein anderes Denkmuster, aber es gelang mir zu dem Zeitpunkt nur bedingt. Jeden 2.Tag schimpfte meine Mutter uns aus, wir hätten ihr Telefon mitgenommen oder ihre Geldbörse. Das Telefon fanden wir manchmal in einer Kaffeekanne in ihrem Wohnzimmerschrank, oder in die Seiten des Sofas gedrückt, weit runtergedrückt. Der kleine Trick dabei, das Kommunikationsgerät zu finden- die Nummer zu wählen und wenn es nicht gerade auf "stumm" geschaltet war, hat`s in irgendeinem Teil des Hauses gebimmelt.   
Wenn die Enkelkinder ihr mal einen lieben Besuch abstatteten, hat sie sich bei uns beschwert, sie wollten nur um Geld betteln. Es war nervig, traurig, und es tat weh!!
Und weit und breit keiner da, der dich versteht, dem du sagen kannst was dich grad so fertig macht, was dich grad so sehr bewegt und du musst weitermachen, es ist deine Mutter, du liebst diese Frau, die alles für dich getan hat als du ein kleines Mädchen warst, die dich nächtelang getragen hat als du ein Baby warst...…
An einem Tag im November 2005 wurde dann unsere kleine „Wohngemeinschaft“ das 1.mal auf eine harte Probe gestellt.
Wir fanden meinen Schwiegervater am Morgen in seinem Bett mit angeschnittenen Pulsadern vor, überall Blut, furchtbar. Seine Antwort darauf war, er hätte keine Lust mehr zu leben und ständige Schmerzen. Aber ich glaube es war eher ein „Hilferuf“. Da der zuständige Arzt nicht zum Hausbesuch kam, sollte mein Mann seinen Vater in seine Praxis bringen, sein Vater weigerte sich aber strickt, da es ihm unangenehm war. Mein Mann nahm das Telefon, rief beim Arzt an und dieser versicherte ihm, wenn er es nicht schaffe, seinen Vater zu ihm zu bringen, dann wäre es unterlassene Hilfeleistung seinerseits, da der Arzt die Sachlage kenne,
er MUSS ihn in die Praxis bringen. Er fuhr dann auch mit, der Arzt versorgte meinen Schwiegervater und sprach mit ihm Klartext. Der damalige hiesige Arzt sagte immer was er dachte, auch in dieser Situation.
Mein Schwiegervater hatte Schmerzen keine Frage, denn er hatte so einiges an körperlichen Leiden zu tragen. Emotional erholte er sich wieder, bis uns der „nächste Fall“ wieder auf eine harte Probe stellen sollte.


Eisregen Ende Januar 2006, und Opa fällt vor unserer Haustür auf seine linke Hüfte. Krankenhaus- OP- Reha….
Da er Marcumar Patient war, also Blutverdünner nehmen musste, und das Krankenhaus durch die damalige aktuell bedingte Witterung überfüllt war, wurde er erst nach fast 14 Tagen operiert, UNFASSBAR !! Es ging ihm bescheiden, emotional wie auch körperlich.
...und es kam noch schlimmer!
14 Tage nachdem Opa gestürzt war, tat meine Mutter es ihm gleich. Sie stürzte eines Nachts über ihren Nachtschrank, den sie immer vor ihrer Schlafzimmertür platzierte und brach sich, über ihrem 1999 bekommenen künstlichen Hüftgelenk, den Knochen. Krankenhaus- OP- Reha….

Da waren sie wieder die PARALLELEN !
Durch diese OP verschlimmerte sich ihr kognitiver Zustand um einiges.

Was uns dann erst so richtig bewusst wurde, meine Mutter hatte ein ernsthaftes Alkoholproblem, welches sie wunderbar verschleiern konnte.
Sie täuschte uns oftmals Übelkeit oder Kopfschmerzen vor, damit sie zeitig zu Bett gehen konnte, um im Bett Wein trinken zu können. Beim Aufräumen sind uns mehr als 50 leere Weinflaschen in die Hände gefallen, an den unmöglichsten Stellen versteckt, wo man nicht hinguckt beim Hausputz. Und wir haben es nicht mitbekommen, wann und wie sie an den Alkohol gekommen ist, es ist uns bis heute ein nicht gelöstes Rätsel. Ganz schlimm war, dass sie im KH eine Art kalten „Entzug“ durchmachte, obwohl wir Ärzte und Schwestern auf die Sachlage und ihr Problem hingewiesen hatten, dennoch ging man dort nicht wesentlich darauf ein. Sie wurde ruhiggestellt und am Bett fixiert, ich war entsetzt, und hab mich beschwert. Und- "in dem Augenblick wo sie sich selbst gefährdet, bräuchten die Ärzte und das Pflegepersonal auch kein Einverständnis der Angehörigen, da wird spontan entschieden" hieß es !!!
OK, heute kann ich es nachvollziehen, zu dem Zeitpunkt nicht...
Es war furchtbar sie so da liegen zu sehen. Sie wollte weg aus dem Krankenhaus, weil sie mit dieser ganzen Umgebung und mit der ganzen Situation überfordert war.
Zu Hause konnte sie nicht aufstehen nach ihrem Sturz, sie schrie als sie von den Sanitätern auf die Trage gehoben wurde, und im Krankenhaus spazierte sie „vor“ der OP auf dem Gang rum um nach Hause zu gehen, im Nachthemd. Und als man ihr beidseitig Bettgitter verpasste, schwang sie die Beine oben drüber, durch die Schmerzmittel die man ihr gab, schienen ihre Schmerzen nicht mehr so präsent gewesen zu sein, und sie wusste natürlich auch nicht warum sie an einem Ort war, den sie noch nie gesehen hatte, und nicht kannte. Deshalb wurde sie fixiert, ich sehe es heute aus einer anderen Sichtweise und mit einem anderen Wissen.

Durch die OP an ihrer Hüfte, das ganze Geschehen drum herum und die Narkose, verschlimmerte sich die Demenzkrankheit bei meiner Mutter und es war unumgänglich beim Vormundschaftsgericht eine Amtsvormundschaft zu beantragen. Ich tat mich damit sehr schwer aber es war sehr wichtig und richtig.
Nach dem Krankenhausaufenthalt kam meine Mutter in eine geriatrische Reha- Klinik. Ihr Zustand hatte sich so sehr verändert im Gegensatz zum Zeitpunkt vor ihrem Sturz, dass man mir empfahl, die Pflegestufe 2 zu beantragen. Diese wurde in erster Instanz abgelehnt, die Antwort auf meinen Widerspruch ließ lange auf sich warten, aber wurde dann in der zweiten Antragstellung befürwortet und genehmigt.
In unserem Haus mussten, bevor Oma und Opa wieder nach Hause kamen, nochmals einige Umbauaktionen durchgeführt werden. Wir hatten dafür ca.2 Wochen Zeit. Wir brauchten einen Durchbruch zur Wohnung meiner Mutter, weil es nun nicht mehr möglich war, sie allein in ihrer Wohnung zu lassen. Das Badezimmer im Erdgeschoss, welches sich nun beide teilen mussten, sollte behindertengerecht umgebaut werden, denn auch mein Schwiegervater war nicht mehr der, der er war vor seinem Sturz.
Er war auf einen Rollator angewiesen, ohne den ging gar nichts mehr.
Ende März waren unsere beiden „Oldies“ wie wir sie manchmal liebevoll nannten, wieder daheim.

Meine Mutter waren ihre eigenen 4 Wände fremd geworden und sie hatte sich ständig verlaufen, sie war teilweise sehr desorientiert. Ich schrieb große, gut lesbare Zettel mit den jeweiligen Räumlichkeiten, und klebte diese an alle Türen. Da meine Mutter noch lesen konnte, war das fürs erste eine kleine Hilfe, und sie war sehr dankbar dafür.
Ich sandte einen Hilferuf per Telefon an die Pflegeüberleitung der Reha- Klinik in der meine Mutter nach ihrem Krankenhausaufenthalt war, und noch am gleichen Abend kam ein sehr netter Herr zu uns. In einem langen Gespräch gab er uns Ratschläge für den Alltag der auf uns zukam, und so versuchten wir aus der Situation das bestmögliche zu machen.
Mein Alltag sah fortan so aus, wie die Arbeit in einem Seniorenheim. Als Erleichterung für mich kam nun 2x in der Woche die “Häusliche Krankenpflege” zum Duschen für Oma und Opa.
Die Damen waren alle überaus nett und mit ein bisschen Witz und Esprit lockerten sie schon am frühen Morgen manche festgefahrene Situation auf.

Das Verhältnis zwischen meinem Schwiegervater und mir hat sich nach seinem KH- Aufenthalt sehr zum Positiven entwickelt. Wenn er vorher auch oftmals sehr forsch und dominant war und öfter mal einen Anflug hatte,
sich über Dinge aufzuregen die belanglos waren, so war er jetzt liebenswürdiger und zugänglicher.
Die Dinge nahmen ihren Lauf, wir sollten aus den Aufregungen nicht herauskommen....
Das Verhältnis zu meiner Mutter war vor ihrer Demenzkrankheit- das Beste was man sich unter einer Mutter- Tochter- Beziehung vorstellen konnte.

Alles was man können sollte, wenn man eine eigene Familie zu versorgen hat, hab ich von ihr gelernt. Sie war mein Vorbild, die beste Mama und allerliebste Oma, ich habe sie auf einen Sockel gestellt, ich wollte immer so sein wie sie.
Heute wünsche ich mir und meinen Kindern niemals so zu werden....😥


Die Krankheit hatte uns alle verändert.
Mein Ideenreichtum nahm von Woche zu Woche zu, ich kann im Rückblick auch nicht mal sagen, woher so manche Idee entsprang, es war zumindest zum Wohle aller Beteiligten und hat uns für einige Zeit immer etwas weiter geholfen.
Meine Mutter hat sehr oft bei Tisch oder bei ihren Runden durchs Haus, nach dem aktuellen Wochentag und dem Datum gefragt. Da sie es aber schon gleich nachdem ich es ihr sagte, vergessen hatte, hab ich mir eines Abend`s einen Din.A3, großen Zeichenblock genommen, habe den Monat, den Wochentag, und das Datum gut sichtbar mit einem schwarzen Edding draufgeschrieben und jeden Tag wenn ich am Morgen die Küche betrat, dieses an die Schranktür geklebt, gut sichtbar für meine Mama. Ihr hat das gefallen, es war für sie ein Highlight am Morgen das Datum vorzulesen, manches mal 3 oder 4x während der Mahlzeiten. In den Herbstmonaten hab ich die Fronten der Küchenschränke mit bunten Blättern beklebt, die wir auf gemeinsamen Spaziergängen gesammelt haben. Aber auch diese schönen, und leider selten gewordenen Tage, wichen bald den schwierigeren...
  
Meine Nerven waren oftmals zum zerreißen gespannt,
wenn zum Beispiel das Telefon wieder nicht aufzufinden war und wir es dann irgendwann im Kissenbezug wiederfanden oder im Schrank in der Kaffeekanne oder im Stiefel beim Schuhschrank. Wenn im Kleiderschrank die Schmutzwäsche lag, die benutzten Vorlagen, Stofftiere, Bücher und Handtaschen, aber von den Strumpfhosen und den Unterhemden jegliche Spur fehlte, auch nach intensiver Suche.
Sie fing dann an zu weinen, weil sie sie ja nicht weggeräumt habe, und ich suchte verzweifelt in all ihren Räumen. Nach 3-4 Tagen fand sich das ein oder andere dann mal wieder an, manchmal. Ich fand es auch nicht so witzig wenn meine Mutter sich bei anderen Leuten beschwerte, dass wir sie einsperren würden- sie hatte dann aber die Haustür abgeschlossen und den Schlüssel "verlegt".


Mit der Zeit war auch der Tag- Nacht- Rhythmus gestört. Das heißt mit anderen Worten, ab 15 Uhr 30 wurde unsere kleine Elfe- wie ich sie gerne nannte- nervös und lief unaufhörlich zwischen Schlafzimmer und ihrem Wohnzimmer auf und ab. Sie deckte ihr Bett auf, sie machte ihr Fenster zu, dann machte sie ihr Fenster auf und deckte ihr Bett zu, und so weiter…
Und wenn wir nicht drauf achteten, und ihr immer wieder sagten „ aber noch nicht zu Bett gehen“, dann war sie auch schon um 17 Uhr im Bett, ohne Abendessen und ohne ihre Tabletten, die wichtig für sie waren. Sie ließ dann auch nicht mit sich reden, dass wir nun alle zu Abend essen wollten, sie weinte dann, sie hätte schon längst gegessen. Sie hatte auch meist etwas vor ihrer Schlafzimmertür stehen, von innen, damit sie nicht von bösen Räubern verschleppt wird in der Nacht. Vor ihrem Sturz war es ihr Nachtschrank, den wir dann aber aus ihrem Schlafzimmer entfernten. Meine Mutter fand immer irgendeinen Gegenstand den sie von innen an ihre Tür platzieren konnte, und wenn es ihre Zudecke und ihr Kopfkissen war.
Wenn sie so früh zu Bett ging, hatte sie um 21 Uhr ausgeschlafen, dann stand sie auf, zog sich an und wenn sie uns dann sah, da wir dann noch in der Küche saßen, sagt sie:
„Guten Morgen, ihr seid aber früh auf….“

In dieser ganzen Situation die mit einem zu pflegendem Elternteil schon schwer ist, und mit zweien noch schwieriger, hatte uns der Himmel derzeit eine wunderbare Hilfe geschickt. Ich war so dankbar !!
Ein Tagestreff für Menschen mit Demenz- und Alzheimererkrankungen hatte in unserer Gegend seine Pforten geöffnet. Als ich das in unserer Tageszeitung las, haben wir gleich einen Schnuppertag verabredet.
Meine Mutter- die nach dem Tod meines Vaters 2002 nirgendwo mehr gerne hin wollte, weil sie sich an den Gesprächen ohnehin nicht mehr beteiligen konnte und es auch nicht wollte, ging sehr gerne zu den „netten Frauen“ wie sie sie nannte. Sie war sehr begeistert und fragte auch selbst, wann sie denn das nächste mal dort hin könne. Es tat ihr gut unter Menschen zu kommen, gefördert und auch mal gefordert zu werden. Dort wurde mit den Besuchern gebastelt, gespielt, gesungen, gereimt, gebacken, gepflanzt oder einfach nur mal zugehört oder geruht, wenn es erforderlich war. Sie ging zunächst an drei Tagen die Woche von 9 Uhr bis 16 Uhr in den Tagestreff.
Es war eine enorme Erleichterung in einer schwierigen Zeit, ich kann es nicht anders sagen. Ich wusste meine Mutter dort in guten Händen und hatte Zeit, Kraft zu tanken für die nächste Runde.

Unsere nächste Aktion ließ aber dennoch nicht so lange auf sich warten….
In der 1.Juniwoche wurde die Hüfte meines Schwiegervaters geröntgt, weil er dort fortwährende Schmerzen hatte, es immer knackte, und irgendwie keine Besserung einkehren wollte, seit der Hüft-OP im Januar.
Die Diagnose: Eine Schraube war gebrochen eine weitere war schief.
Also noch einmal OP, neues Hüftgelenk.
Bei der 1.OP im Januar hatte man ihm Schienen und Schrauben verpasst weil es ein komplizierter Splitterbruch war.
Diese Folge-OP wurde für den 12.Juni geplant. Sie dauerte knapp 4 Stunden, danach 1 ½ Tage Intensivstation. 
4 Tage später- Blutansammlungen im Bein- OP- absaugen. Am nächsten Tag die nächste OP, die Hüftkugel war aus der Pfanne gesprungen. Einrenken unter Narkose war erfolglos also musste er noch einmal operiert werden.
2 Tage später die nächste OP, er brauchte eine neue Hüftpfanne, die größer war, damit nichts mehr rausspringen konnte ebenso eine Knochentransplantation und Verschraubung.
2 Tage Intensivstation und bis zu 2 Wochen strenge Bettruhe, anschließende Reha !


Wie gut dass man nicht weiß was uns die Zukunft bringt.....
Opa hatte ein starkes Herz wie ein Elefant, da er in seinem Alter diese 4 Operationen innerhalb von 12 Tagen so gut verkraftet hatte. Aber seine Gemütsverfassung litt mit jedem Tag den er länger im Krankenhaus bleiben musste. Er tat uns unendlich leid. Mein Mann und ich wechselten uns mit den täglichen Besuchen ab und Oma war meist mit dabei. Sie saß dann auf einem Sessel am Fenster und schaute den Besuchern durchs Fenster zu, die da kamen und gingen ! Ich sendete oft Stoßgebete zum Himmel und bat um Kraft, damit ich für unsere beiden Oldies weiterhin da sein konnte und dass ich meine Sache gut- und vor allem- weiterhin gerne tat. Es blieb sehr viel auf der Strecke, und ich musste oft weinen.

Lieber Leser, 
ich hatte schon zu Anfang erwähnt, warum ich diese Geschichte öffentlich gemacht habe. Ich brauchte ein Ventil, ich musste niederschreiben was ich erlebte, zu Beginn in Tagebuchform, in einer kleinen Kladde. Mit meinen Brüdern konnte ich nicht reden, sie hörten mir zwar zu, kamen aber mit der ganzen Situation nie klar. "Ich finde sie ist wie immer", sagten sie mir oft. In den ersten Jahren ihrer Krankheit haben sie die Augen davor verschlossen, und es fiel ihnen sehr lange nicht auf, dass sich unsere Mutter veränderte, wir liebten unsere Mutter viel zu sehr, als dass es so leicht anzunehmen wäre, das sie jemals nicht mehr sie selbst sein sollte, unsere Mama, unsere Mutti, die immer für uns da war, stark und für alles eine Lösung parat hatte, und gab es keine Lösung gab es eine heiße Milch mit Honig oder ein Marmeladenbrot.
In ihrer damaligen veränderten Situation konnte sich unsere Mama auch sehr, sehr gut verstellen, und die Besuche meiner Brüder waren dafür auch zu kurz um etwas anderes, als das gewohnte perfekte Bild von ihr wahrzunehmen. Meine Mutter merkte selbst sehr wohl, dass irgendetwas mit ihr nicht stimmte, überspielte ihre Veränderung aber und zog alle Register, damit nach außen alles wie immer schien.
Zum Austauschen mit anderen pflegenden Angehörigen kam es nie, weil ich keine kannte, und auch kein anderer so recht Zeit hatte- mich eingeschlossen, ich hatte zu der Zeit einen 24Std.Job.
Und so habe ich meine prägenden Ereignisse niedergeschrieben, die uns sehr berührt haben, und die ein Zusammenleben mit den schon alt gewordenen Eltern nicht alltäglich machten. Eigentlich könnte ich ein richtiges Buch darüber schreiben, die gemeinsamen Jahre gaben viel Stoff für viele Seiten. Hier im Blog ist nur der prägnanteste und intensivste Teil zu lesen.
Es waren Erlebnisse, die einem in mancher Hinsicht den Atem geraubt und die Nächte verkürzt haben, aber es waren auch sehr, sehr schöne Erlebnisse, liebevolle Erlebnisse, Momente der Dankbarkeit und des Lachens.
Irgendwann kommt man aber an einem Punkt in seinem Leben, an dem man merkt, es geht nicht mehr vor und auch nicht mehr zurück. Und an einem solchen Punkt waren wir irgendwann angelangt.  
Nichts ging mehr!
Und trotzdem fragt man sich in solchen Momenten, wie weit kann man noch gehen, wo sind die Grenzen!
Und wir sind sehr oft an unsere Grenzen gestoßen. Insider haben das gemerkt und uns gefragt -wie lange wollt ihr das noch machen, ihr könnt doch schon längst nicht mehr?! Dann lächelten wir, und machten weiter.
Und es kam der Tag an dem wir nur noch zu dritt waren.
20.08.2007
Mein Schwiegervater zog am 20. August in eine sehr schöne Seniorenresidenz, nicht weit von uns entfernt und es ging ihm dort gut. Er hatte dort die Pflege die er brauchte und auch Gesellschaft, die er hier nicht hatte, da er nicht mehr unter die Leute ging. Er war dort der Hahn im Korbe, er war lustig und er wurde dort absolut geliebt, alle mochten ihn.
Er hatte uns auf seine Weise die eigentliche Entscheidung zu diesem Schritt abgenommen. Es war bestimmt kein leichter Schritt für uns alle, aber so wie es war mit der häuslichen Situation, konnte es nicht weiter gehen, denn unsere Zeit zusammen war nicht mehr schön - für keinen von uns. Es gab sehr viele Unstimmigkeiten und Streit zwischen Vater und Sohn, und Eifersüchteleien, zwischen meinem Schwiegervater und mir, da meine Mutter durch ihre fortgeschrittene Demenzerkrankung immer mehr intensivere Aufmerksamkeit brauchte. Mein Schwiegervater war an manchen Tagen schon recht genervt von ihr, von ihren immerwährenden gleichen Fragen, von ihrer Ruhelosigkeit, und Gespräche konnte und wollte er auch nicht mehr mit ihr führen. Sie tat ihm nur noch leid. 
Wer seine Eltern zu Hause betreut und gepflegt hat, kann vieles was wir erlebt haben nachempfinden, und würde sicherlich nicht über uns urteilen, dennoch sind die Vorwürfe auf uns niedergerasselt, und man hatte das Gefühl versagt zu haben. Und die Menschen, die nicht verstehen, wie das alles geschehen konnte und das man so am Ende war, dass man selbst sterben wollte, um dem Ganzen zu entfliehen, diese Menschen sahen immer nur unser Sonntagsgesicht, aber die Tränen hinter der Fassade hat keiner von ihnen gesehen, und sie haben uns auch keine helfende Hand gereicht...
Und so hat alles seine Zeit, sich begegnen und verstehen, sich halten und lieben, sich loslassen und erinnern....
Etwa zur selben Zeit hatte meine Mutter im Fortschreiten ihrer Erkrankung einen so weiten Schritt gemacht, dass sie –zwar noch mobil war -aber von ihrer Betreuung her einem 3jährigen Kind glich. Es war eine große Hilfe, dass sie nach wie vor, an drei Tagen die Woche in eine Tagespflegestelle ging, mittlerweile allerdings in eine andere, für ihre Bedürfnisse passendere Stelle, aber an den 4 übrigen Tagen, die die Woche noch hatte, war es unendlich schwierig, und meine Kräfte schwanden immer mehr.

Meine Mutter konnte nicht mehr allein sein, sie suchte ständig nach mir. War ich nicht in Sichtweite wurde nach mir gerufen. Das war so schlimm, dass ich nicht mal allein zur Toilette gehen konnte, sie folgt mir selbst dort hin. Ich musste sie mit ins Büro nehmen, das hatten wir zum Glück im Haus, und sie saß hinter mir wenn ich meiner Arbeit nachging. An allen Türen hatten wir nach ihrem Reha- Aufenthalt Schilder angeklebt, da sie sich im Haus- in dem sie schon 57 Jahre wohnte, nicht mehr auskannte. Das war nun auch hinfällig, weil sie es nicht mehr verknüpfen konnte drauf zu schauen um zu lesen und somit auch nicht mehr in Verbindung brachte mit dem Raum der hinter dem Türschild lag.
Sie las die Schilder auch nicht mehr, obwohl sie noch lesen konnte, sie wusste demnach auch nicht wo sie sich gerade befand und auch nicht wohin sie wollte.
Mein Mann und ich dachten an manchen Tagen daran, 
dass irgendwann der Zeitpunkt auch für uns gekommen sein wird, an dem wir eine Entscheidung treffen sollten. Denn seit wir erwachsen waren und selbst Kinder hatten, haben wir uns um unsere Familien gekümmert, und das gern, von Herzen und mit unserer ganzen Liebe.
Wir haben 5 Kinder großgezogen, die schon eigene Kinder hatten, wir hatten 2 Pflegekinder, hatten nun seit 5 Jahren Oma und Opa bei uns, und hatten eigentlich nie richtig Zeit für uns. Ich glaube so richtig kannte ich
meinen Mann zu der Zeit noch gar nicht, ich hatte ihn noch nie längere Zeit für mich alleine. Hinzu kommt dass wir auch schon Enkelkinder hatten, für die wir selten oder kaum da sein konnten.

Klingt das jetzt egoistisch?
Nein, ich glaube nicht, denn wir haben uns unser Leben wie es war und wie es jetzt ist, selbst so hingebaut, wir wollten das so und ich würde es genauso wieder machen, mit kleinen Abänderungen, ich würde mir mehr Auszeiten nehmen, und diese mit Freude und Spaß mit den Enkelkindern verbringen, diese schöne Kinderzeit bringt mir niemand mehr zurück.
Wir lebten aber im hier und jetzt und gaben unser Bestes bei der Versorgung und der Pflege unserer Eltern, und zuletzt nun mit meiner Mutter, bis wir ein weiteres mal sanft, aber bestimmend an unsere Grenzen geführt wurden – weil wir selbst sie wieder überschritten hatten…
Ich hatte mich zu der Zeit mit einem Herrn unterhalten, dessen Mutter kurz zuvor verstorben war, und er und seine Frau sich nun um den an Demenz erkrankten Vater kümmerten. Er hatte mich um Rat gefragt und nach unseren Erfahrungen mit der Betreuung und Pflege unserer Eltern. Sie wollten nun ihren Vater zu sich nach Hause holen.
Ich konnte ihm aus meiner Sicht der Erfahrungen nur empfehlen, sich gut darüber im Klaren zu sein, was das alles mit sich bringen würde. Und dass es auch sehr wichtig sei, dass beide Partner dieses auch wollen, "gemeinsam" und mit allem was dazu gehört. Der Mann entgegnete mir einen ganz besonderen Satz, er sagte zu mir: "ich bin es meinem Vater aber doch schuldig."
Was sollte ich darauf antworten. Ich konnte darauf nicht antworten, konnte dem Mann nicht das sagen, was er sich vielleicht wünschte zu hören. Ich wollte ihm auf keinen Fall von seinem Vorhaben abraten, weil ich es ganz wunderbar finde, wenn sich jemand dazu bereit erklärt sich um seinen Vater oder seine Mutter zu kümmern und sie zu pflegen. Ich ließ damals diesen besonderen Satz im Raum stehen. Wir unterhielten uns weiter, aber nur noch über ganz alltägliche Dinge, die das gemeinsame Leben mit sich brachte mit einem zu pflegenden Elternteil. Fragen die er mir stellte beantwortete ich gern, soweit ich diesbezüglich Erfahrungen hatte, aber ich ging nicht tiefer ins Detail. Vielleicht hätte ich ihm mehr von unserem Alltag erzählen sollen, von vielen schlaflosen Nächten, vom Kampf gegen Windmühlen was die Demenz betraf, von Eltern die immer hilfloser werden, aber mein Gefühl sagte mir, "nicht jetzt", denn dieser Mann muss seine Erfahrungen selbst machen, er wäre zu sehr beeinflusst von meinen Worten. Ich dachte vor Jahren einmal ähnlich wie er jetzt, ich hatte es auch irgendwo erwähnt in einem meiner Abschnitte weiter vorne in einem Kapitel. Jeder muss für sich selbst entscheiden, was er sich zutraut und wieweit er in der Lage ist so eine Aufgabe zu bewältigen. Wir können alle nur unser Bestes geben. Manchmal wachsen wir an unseren Aufgaben, manchmal scheitern wir. Aber wenn man es nicht versucht, wird man es nicht erfahren.

Und eines habe ich aus allem was wir erfahren durften und erfahren mussten gelernt: Man ist keinem Elternteil etwas schuldig,
auch dann nicht wenn sie uns mit viel Liebe und Fürsorge auf das Leben vorbereitet haben. Man sollte bei so einer wichtigen Entscheidung nicht von Schuld sprechen, heute weiß ich es auch besser. Meine Schuldgefühle kamen bei mir
erst, als meine Kraft zu schwinden schien und ich dann dachte "warum tu ich mir das hier alles überhaupt an"?
Als mein Mann und ich die Entscheidung trafen, uns um unsere Eltern zu kümmern, haben wir nie einen Gedanken daran verschwendet es unseren Eltern schuldig zu sein, und uns um sie kümmern zu müssen. Wir wollten das von uns aus, wir beide trafen diese Entscheidung zusammen, für unsere Eltern, weil es das Beste für uns alle war.
Leider hat nicht jeder alte Mensch das große Glück über Nacht einzuschlafen, weil der Zeitpunkt, vielleicht mit 79 oder 84 Jahren, gekommen sei. Es gibt so viele alte pflegebedürftige Menschen, die nur darauf warten, dass sie gehen dürfen. Und ich kenne mittlerweile sehr viele „Kinder“ dieser alten Menschen, aus den Tagespflegestellen die meine Mutter besuchte, die auch bis zur vollkommenen Aufopferung und Erschöpfung ihre Mutter oder ihren Vater pflegten. In vielen Fällen war es eine Selbstverständlichkeit, weil sie schon immer zusammen wohnten und es auch weiter zur Gewohnheit werden ließen, egal wie viel Kraft es sie kostete.
Leider sind in vielen Fällen auch Außenstehende daran beteiligt die pflegenden Angehörigen zu manipulieren, indem sie ihnen ein schlechtes Gewissen einzureden versuchen…
„ihr werdet doch Eure Mutter (Vater) nicht ins Heim abschieben, das könnt ihr doch nicht tun, ich habe meine Mutter 10 Jahre zu Hause gepflegt….“
Aber die Umstände waren vielleicht anders. Mein Mann und ich haben auf keinen der außenstehenden Leute gehört, denn diese konnten nur den Moment beurteilen, den Moment den sie zu Besuch kamen, oder den Moment den sie sich genommen haben um mal anzurufen.
Wir hatten diese Situationen auch, mit dem Umzug meines Schwiegervaters in das Seniorenwohnheim.
Ich habe in den 80er Jahren eine Ausbildung in der Altenpflege gemacht, mit dem Hintergedanken, wenn meine Eltern oder Schwiegereltern einmal alt sind, und Hilfe brauchen, für sie da sein zu können. Ich war fest entschlossen und die Arbeit in dem Altenheim- ich war auf der beschützenden Station- hat mir so unglaublich viel Freude gemacht, dass ich das Jahre später immer noch mal aufgreifen wollte.


Aber nichts kommt dem nahe, wenn man zu Hause seine Eltern pflegt. Denn da kann man nicht die Tür hinter sich zumachen und sagen „ich hab doch jetzt Feierabend“.
Ich habe mich in der Zeit verändert, WIR haben uns verändert, mein Mann und ich, durch unsere häusliche Situation, das bringt der Alltag so mit sich. Ich wurde hart, nicht mehr so feinfühlig, aber trotzdem emotional aufgewühlt, weil sich in mir sehr viel anstaute, was dann in einer emotionalen Situation oder einer traurigen Szene aus einem Film, das Ventil fand, und dann heulte ich regelrechte Sturzbäche. Ich wurde nervös und hatte oftmals keine Geduld, oder ich hatte an manchen Tagen eine Wahnsinns Wut im Bauch und wusste nicht warum. Und wird die Seele krank, wird auch der Körper krank. Ich hatte ständige Schmerzen am ganzen Körper, im Bauch, Armen, Beinen. An manchen Tagen konnte ich nicht richtig laufen. Meine Seele schickte mir Signale...
Und dann schaute ich meine Mama an und dachte zurück an die Zeit, als ich noch ein Kind war und sie mir die Haare geflochten hat, mir Geschichten vorgelesen hat und mit mir gesungen und gespielt hat.
Ich hatte dann das Bedürfnis sie ganz fest in meine Arme zu nehmen und ihr einen Teil ihrer grenzenlosen Liebe zurückzugeben, aber nicht, weil ich es ihr schuldig war, sondern weil ich es gerade jetzt so wollte !!
Und wenn ich der Meinung war, das der Zeitpunkt gekommen ist an dem sich jemand anderes um meine Mama kümmern sollte, der ihr jegliche Pflege und professionelle Fürsorge zuteilwerden lässt, jemand der nach getaner Arbeit die Tür hinter sich zumachen kann und Feierabend hat, dann ist das absolut in Ordnung, und auch auf gar keinen Fall ein Abschieben !!!

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Bärenelfe Kapitel 3 Veränderungen

Der Bär und die Elfe  

Samstag, 6. Juni 201
Nichts ging mehr, meine Kraft war zu Ende.

Unsere Nächte waren zu kurz und unsere Tage zu lang. Ich brauchte Hilfe,
jetzt gleich und ganz schnell, sonst würde ich umfallen.
Ich bat um ein Gespräch in der Tagespflege, in die meine Mutter zu dem Zeitpunkt ging. Es waren nette und kompetente, und vor allem ausgebildete Kräfte, an wen hätte ich mich sonst wenden können, und schon während des Gesprächs stand fest, dass eine Veränderung der Situation nur von meiner Seite aus erfolgen konnte.
Da stand ich nun mit meinem Talent….keine Kraft mehr weiterzumachen, aber auch unfähig eine solche Entscheidung zu treffen.
Ich hätte mir gewünscht, dass mir diese wahnsinns schwierige Entscheidung irgendwer abgenommen hätte.
Am liebsten hätte ich mir ein Loch gegraben, wäre reingesprungen und dort sitzen geblieben, bis mich nach einiger Zeit jemand wieder ausbuddelt und zu mir sagt:
ALLES IST GUT, KANNST RAUSKOMMEN !
Jegliche Hilfe die man mir schon angeboten hatte, reichte nicht mehr aus.
Denn es waren da immer noch die Wochenenden, und die Nächte, die es zu überstehen galt.
Wir hatten noch einige Tage Verhinderungspflege offen, die wir nicht in Anspruch genommen hatten. Und die kamen uns wie gerufen für eine kurzfristige "Auszeit".
Meine Mama verbrachte die Feiertage und den Jahreswechsel in dem gleichen Seniorenwohnheim in dem mein Schwiegervater war, als Kurzzeitpflegegast. Es ist mir wahnsinnig schwergefallen, sie über die Festtage dort "abgegeben zu haben" und es fühlte sich auch etwas egoistisch an, aber die Tatsachen dass Opa dort auch war, und es ihm gut gefiel und alle sehr nett waren, half mir loszulassen und sie mit einem gutem Gefühl dort zu wissen.
Über Weihnachten ging es meinem Schwiegervater sehr schlecht, er hatte eine Lungenentzündung und durch den schlimmen Husten hatte er eine innere Einblutung unter der Bauchdecke. Er kam gleich nach Weihnachten ins Krankenhaus, Eingriffe, Untersuchungen und neue Termine für den nächsten Eingriff.

Februar 2008
Meine Mutter war ins Seniorenheim eingezogen. Unsere gemeinsame Zeit Zuhause war vorbei.
Wir mussten diese Entscheidung treffen, da es nicht nur unser Leben betraf, sondern auch das meiner Mama, meiner kleinen Elfe.
Als meine Mutter nach ihrer Kurzzeitpflege über den Jahreswechsel wieder bei uns war, ging alles wieder seinen gewohnten Gang.
An Ausschlafen war nun gar nicht mehr zu denken – geschweige denn ans wegfahren mal eben zwischendurch… und sei es nur mal zum Brötchen holen. Man konnte sie ebenso wenig allein zu Hause lassen wie man es auch nicht mit einem kleinen Kind tun würde.
Die Erinnerung an ihre Räumlichkeiten waren nach der kurzen Zeit ihres Heimaufenthaltes fast vollständig ausgelöscht. Ich musste sie zur Toilette begleiten, ins Wohnzimmer, wieder zurück auf die Toilette und so weiter, und stets präsent sein, da ihre Angst allein zu sein noch größer war wie vor der Kurzzeitpflege.
Ihr Verhalten hat mich an meine Kindheit erinnert. Auch ich hatte immer große Angst allein gelassen zu werden. Ich konnte nicht ruhig zu Bett gehen, wenn irgendetwas darauf hindeutete, dass meine Eltern- hauptsächlich aber meine Mutter- noch weggehen könnte. Erst wenn sie ihre Hausschuh anhatte war das für mich ein einigermaßen beruhigendes Gefühl und ich konnte schlafen.
Das gleiche Verhalten legte nun meine Mutter an den Tag. Wenn ich am Abend noch meine Schuhe anhatte, hatte sie Angst, sie könnte allein zu Haus gelassen werden. Zog ich mir nur kurz die Jacke über, um unseren Hund in den Garten zu lassen, hatte sie Angst ich könnte weggehen ohne sie mitzunehmen. 
Dann kam dieser besagte Tag….
Oft hatte mich meine Mutter in den letzten Monaten und Jahren unseres Zusammenwohnens in den Arm genommen und sich für alltägliche Kleinigkeiten bedankt. Sie war so dankbar für alles, sie hatte ja auch keine Ahnung von dem was ihre Demenzkrankheit so abverlangte. Sie konnte nichts für ihren Zustand. Und es waren auch nicht nur stressige Zeiten. Sie war so goldig und konnte so schön lachen. Sie war immer noch eine attraktive und hübsche Frau, die nicht zu altern schien.
Die Tage gingen, die schlaflosen Nächte kamen und auch die gingen und aus der gelassenen und geduldigen Tochter wurde wieder ein Nervenbündel, das nur noch funktionierte, mechanisch und ohne Antrieb.
Der Akku war wieder einmal leer, schneller als beim ersten mal und leerer als beim zweiten mal, keine Kapazität mehr, man könnte auch sagen: Akku kaputt !

Ich wusste, dass ein Ortswechsel der mit der Kurzzeitpflege verbunden war, eine erneute Veränderung im Verhalten meiner Mutter mit sich brachte, ich wusste es, und dass dieses sich auch nicht gerade positiv äußern würde, war mir auch klar.
Ich wusste, für demenzkranke Menschen war es sehr wichtig, dass die Tagesabläufe, wenn möglich, stets nach dem gleichen Schema ablaufen sollten. Schon kleinste Veränderungen können dazu führen, das alles schräg läuft.
Doch was sollten wir in unserer damaligen Situation tun, man denkt in dem Moment bestimmt nicht an das „Hinterher“ man hat nur ein einziges Ziel vor Augen- RAUS aus dieser Situation !!
Man ist dankbar für jede Hilfe die der Himmel schickt und greift einfach zu. 
In den darauf folgenden schlaflosen Nächten hatte ich viel Zeit nachzudenken, was das beste wäre für uns alle, für Oma, für unsere Ehe, und für unsere Familie, denn unsere Familie besteht aus 5 erwachsenen Kindern und, zu der Zeit, aus 3 Enkelkindern, deren Großelternpflichten und Freuden wir noch nie so richtig nachkamen.
Die Entscheidung war in einer Nacht gefallen, die schöner nicht hätte sein können:
Sternenklarer Himmel, und minus 7°C draußen.
Ich saß in meinem „Lesesessel“ am warmen Ofen und lauschte was sich im Haus tat, und wartete darauf, entweder in die Räumlichkeiten meiner Mutter rüber zu müssen, um sie wieder ins Bett zu begleiten, oder mich doch noch einmal in mein Bett legen zu können.
Der Mond lugte durchs Fenster ins Wohnzimmer und spendete mir sein Licht, so dass ich nicht ganz im Dunkeln dasaß. Meine Gedanken drehten sich im Kreis und fuhren gleichzeitig Achterbahn, und immer wieder hämmerte in meinem Kopf der Satz: „Wie geht es weiter, was sollte ich tun ??“
Ich dachte an ein schönes Gedicht welches mir eine Freundin einmal geschickt hatte und ich musste weinen, ich weinte, und es war, als öffneten sich alle Schleusen, die ich zuvor mit Stahlmauern aus Pflichtbewusstsein und Liebe aufrecht gehalten hatte:

Wenn deine Mutter alt geworden,
und älter du geworden bist,
wenn ihr, was früher leicht und mühelos,
nunmehr zur Last geworden ist,
wenn ihre lieben, treuen Augen,
nicht mehr wie einst ins Leben seh'n,
wenn ihre Füße, kraftgebrochen,
sie nicht mehr tragen woll'n beim Geh'n,
dann reich ihr deinen Arm zur Stütze,
geleite sie mit froher Lust,
die Stunde kommt, da du sie weinend
zum letzten Gang begleiten musst.
Und fragt sie dich, so gib ihr Antwort,
und fragt sie wieder, - sprich auch du,
und fragt sie nochmals, -steh' ihr Rede,
nicht ungestüm,..... in sanfter Ruh!
Und kann sie dich nicht recht verstehen,
erklär ihr alles frohbesagt,
die Stunde kommt, die bitt're Stunde,
da dich ihr Mund nach nichts mehr fragt.

Als ich das Gefühl hatte, keine Tränen mehr zu haben, und wieder tief genug Luft holen konnte, um meine Gedanken zu ordnen, wusste ich, klar und deutlich, was ich tun musste und dass mir diese Entscheidung auch niemand abnehmen konnte….

Wir bekamen spontan einen schönen Platz in dem Seniorenwohnheim in dem meine Mutter schon in der Kurzzeitpflege war und in dem auch mein Schwiegervater jetzt wohnte. Der Tag, an dem ich die Verantwortung für meine Mutter in die Hände geschulter Pflegekräfte übergab, war ein Tag der mir immer in meiner Erinnerung bleiben wird. Er war so emotionsgeladen und unvergessen.
Die Koffer, Taschen und persönlichen Dingen meiner Mutter waren gepackt, und wir machten uns auf den Weg. Es ging zuvor noch zum Frisör zur Dauerwelle und anschließend in die Eisdiele. Wir bestellten uns jeder einen großen Eisbecher und meine Mama konnte ihr Glück über ihren tollen, bunten Eisbecher mit Schirmchen und Waffel kaum fassen. Sie war ganz sprachlos und verzückt darüber, es war so schön, und gleichzeitig so traurig, es war wie ein Abschiedsessen. Ich hab‘ mit meinen Tränen kämpfen müssen und hatte ein scheiß Gefühl dabei.
Die Ankunft im Heim erklärte ich meiner Mutter damit, dass wir Opa besuchten, denn mir fielen die passenden Worte nicht ein, wie ich es ihr hätte sagen sollen, dass ich der Aufgabe nicht mehr gewachsen war, mich um sie zu kümmern, ich fühlte mich in dem Moment so feige....und als Verrätertochter.
Und das erste mal war ich dankbar dafür, dass die Demenzkrankheit es mit sich brachte, dass man in solchen Situationen auf Notlügen zurückgreifen konnte.
Meine Mutter hat sich sehr gefreut meinen Schwiegervater wiederzusehen, und die Räumlichkeiten waren ihr auch noch ein ganz klein wenig vertraut von ihrer Kurzzeitpflege über die Weihnachtsfeiertage.
Während meine Mama schon mit den anderen Bewohnern ihr Mittagessen einnahm, gleich so als wäre es das Normalste überhaupt, verstauten eine Pflegerin und ich den Inhalt ihrer Taschen und Koffer in ihrem zugewiesenen Schrank in ihrem Zimmer. Ich stellte ihr Kuscheltier auf ihr Bett, strich mit der Hand über ihr Kopfkissen und verließ das Zimmer.
Ich verabschiedete mich von ihr, sagte ihr ich käme bald wieder, und ich ging ! 
Ich ließ sie zurück !
Ich ließ sie im Seniorenheim zurück für den Rest ihres Lebens und ich wusste, ich hatte das Richtige getan...
Ruhe kehrte ein. Wir konnten uns zu Anfang nicht so ganz an unsere neue Situation gewöhnen, wussten es aber zu schätzen. Die Jahre zuvor liefen die Tage nach einem bestimmten Zeitplan ab, das war für unsere beiden Oldie`s sehr, sehr wichtig. Für meine Mutter weil es für demenzkranke Menschen so sehr wichtig ist, dass sich der Tagesablauf so wenig wie möglich verändern sollte, das erwähnte ich schon, und für meinen Schwiegervater, weil auch er schon sein ganzes Leben lang strukturiert war, und keine krassen Abweichungen mochte, er wurde dann sehr ungehalten. Man hatte jetzt Zeit- und doch keine Zeit. Es gab so viele Dinge, die man hätte ausgiebig tun können, bummeln gehen, frühstücken wann immer man wollte, lange Spaziergänge im Wald was ich so liebte, im Wohnzimmer essen beim Fernseh gucken…
Verabredungen treffen. Und was tat man...
nicht‘s von all dem !
Wir dachten zuviel nach, ließen alles immer wieder Revue passieren, wir schliefen lange, wir grübelten, und mussten erstmal alles realisieren.
Es verging kein einziger Tag an dem ich nicht an Oma und Opa dachte, an dem sie nicht präsent waren und auch heute denke ich noch oft an die beiden, voller Dankbarkeit und Liebe. Und ich weiß, ich würde alles noch einmal machen, mich dafür entscheiden unsere Eltern zu uns zu nehmen.
Jetzt erst recht, denn ich habe dazugelernt, nicht nur allein durch meine Erfahrungen mit Oma und Opa, ich habe mich 2016 zum Demenzbegleiter ausbilden lassen, etwas besseres hätte ich nicht tun können. Heute weiß ich, dass es eine Chance war, die ich ergreifen sollte, um Erlebtes zu verarbeiten, mit dem Hintergrundwissen aus meinen selbst erlebten Erfahrungen. Viele andere hätten um diesen Job einen großen Bogen gemacht, nach all den Jahren... 
Alles hat seine Zeit
Die Jahre vergingen und sie hinterließen ihre Spuren bei unseren Eltern.
Mein Schwiegervater hatte noch einige Krankenhausaufenthalte, die auch ihre Spuren bei ihm hinterließen, körperlich, wie auch kognitiv. 
Er wurde zunehmend eigensinniger und brummiger und die Gedankengänge wurden wunderlich, obwohl man sagen könnte, er war bis zuletzt klar im Kopf.
Er verscherzte es sich mit einigen Verwandten und auch mit einigen Schwestern vom Pflegepersonal. Das Verhältnis zwischen Vater und Sohn kühlte sich sehr ab, und er hatte kaum noch Freunde im Heim.
Ich hingegen hatte ein sehr entspanntes Verhältnis zu ihm. Auch mich hat er oftmals mit Worten sehr verletzt, und angegriffen in der Zeit als wir noch zusammenwohnten, und trotzdem haben wir früher oder später immer wieder zueinander gefunden. Er war ein Brummbär, aber auch er hatte ein Herz, ein Herz dass Liebe empfangen und geben konnte !
2013 hatten wir das Gefühl, dass der Gesundheitszustand meines Schwiegervaters  zunehmend schlechter wurde. 
Er stürzte oft, und trug Prellungen und blaue Flecken davon. Auf unsere Fragen was denn mit ihm los sei, antwortete er nur ausweichend, er würde sehr oft schwindelig werden, durch seine Kopfschmerzen, (die er auch schon viele Jahre hatte, aber die ohne Befund blieben).
Auf Rücksprache mit dem Pflegepersonal konnten sie uns auch nichts anderes berichten.
Bis uns dann im Herbst 2013 die Pflegedienstleitung um ein Gespräch bat. 
Sie bat uns ausdrücklich darum, unseren Vater nicht mehr mit Alkohol zu versorgen und mit ihm zu reden, dass er den Wodka weglassen solle !! 
Er bekäme, wenn er es wünschte, jeden Abend seine Flasche Bier zum Abendbrot oder beim Fernseh gucken, das würde ausreichend sein.
Das waren also die Schwindelanfälle, die meist am Abend kurz vorm Schichtwechsel auftraten, er war betrunken und Wodka hinterlässt nur eine geringe Alkoholfahne. Jetzt hatte alles einen Namen, die Stürze, die morgendliche Übelkeit mit übergeben beim Waschen und Duschen, waren die Nachwirkungen, man könnte auch sagen: er war verkatert. Was für jede Schwester eine Zumutung sein musste, wenn er sich beim Waschen vor ihren Füßen erbrach.
Wir waren ersteinmal sprachlos, denn das war ganz und gar neu, 

Opa und ein Alkoholproblem ?? !!! Das hatte andere Gründe, die wir alsbald rausfanden.
Mein Mann und ich suchten das Gespräch mit ihm und er fühlte sich erstmal "ertappt", kam aber dann auch gleich raus damit, was es mit den "harten Sachen" auf sich hatte.
Er hatte absolut keine Lust mehr auf dieses, wie er es nannte " beschissene Leben", und fand diesen Weg den besten, der Alkohol betäubte seine Schmerzen und er brauchte nicht mehr nachzudenken und wenn es sich nicht mit seinen Tabletten verträgt, dann könne er endlich gehen, nur eine Frage der Zeit, wie er sagte. Er hat uns niemals verraten wer ihm den Wodka mitgebracht hatte, wir konnten es ihm aber auch nicht verbieten. In seinem Zimmer fanden wir später auch keine einzige Flaschen mehr. 

Mein Schwiegervater ist im Februar 2014 im Alter von 95 Jahren gestorben, sanft und leise ist er eingeschlafen.
Sein Wunsch war es, in einem Friedwald beigesetzt zu werden. Diesem Wunsch sind wir selbstverständlich nachgekommen und ich muss sagen, ich hätte mir keinen schöneren Ort für seine letzte Ruhestätte wünschen können, als dort. Er war ein Naturmensch, er liebte die Bäume, die Tiere und Blumen und dieser Wald gibt ihm all das.
 Meine kleine Elfe....
(Spätsommer 2015)
Meine Mutter war nun mittlerweile 86
 Jahre alt und konnte sich nur noch sehr schwer artikulieren. Trotzdem waren wir der Meinung, dass sie mehr wahrnahm, als man ihr zugestehen mochte. Sie saß an manchen Tagen in ihrem Rollstuhl, meist aber lag sie in ihrem Bett, ganz nach Tagesform. Auch an ihr waren die Jahre nicht spurlos verbeigezogen, die Krankheit hat ihren Tribut gefordert.
Wenn wir sie besuchten, schaute sie uns an und lächelte meist. Wir redeten mit ihr, sangen ihr vor oder lasen ihr aus einem Märchenbuch vor. Wir streichelten ihre Hände und cremten sie ein. Meist waren ihre Hände verkrampft, wenn wir sie streichelten und eincremten, entspannten sich ihre Hände. 

Sie freute sich wenn sie Besuch bekam, sie lächelte ganz viel. An manchen Tagen hatte ich dann auch mal den Eindruck, heute erkennt sie uns...
Wir sprachen viel mit ihr, erzählten ihr aus ihrer Vergangenheit und Jugendzeit. Sie hörte zu und schaute uns manchmal an, als wolle sie antworten, findet aber die Worte nicht mehr.
Wenn ich bei ihr war lächelte ich, wenn ich nach Hause fuhr, musste ich oft weinen...
Im Spätsommer 2015 haben wir unsere Besuche intensiviert.
Meine Tochter und ich hatten es irgendwie im Gefühl, dass sie bald gehen würde. Manchmal ist es nur so ein Gefühl....
Sie bewohnte ihr 2-Bettzimmer mittlerweile alleine. Wir waren sehr oft bei ihr, und hatten auch die Kleinen oft mit. Sie sangen Lieder für sie oder haben ihr aus einem Märchenbuch etwas vorgelesen.
Und manchmal hatten wir das Gefühl, es wäre noch jemand mit im Raum, den nur Oma sehen konnte....
Sie beugte sich dann zur Seite und schaute lächelnd an uns vorbei, oder reichte mit ihrer Hand nach oben um (nach) etwas oder jemanden zu greifen. Wir wissen ja, dass wir NIE alleine gehen müssen wenn unsere Zeit gekommen ist. Unsere vorausgegangenen Lieben holen uns ab und begleiten uns "nach Hause".
Wir sollten sie loszulassen, wenn ihre Zeit gekommen ist, und das ist nicht so einfach wie es sich anhört und ganz unabhängig vom Krankheitsbild. Ich für mich kann nur sagen: So wie meine Mutter zu dem Zeitpunkt dalag, war es kein würdevolles Leben mehr. Kaum mehr etwas registrieren, sich nicht mehr artikulieren können, auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen sein, und alles ertragen müssen, auch wenn es manchmal nicht zu ertragen war.
Und wie ich schon zuvor erwähnte, demente Menschen bekommen mehr mit als wir ihnen zugestehen. Wenn meine Mutter in ihrem damaligen Zustand lächelte, dann war dieses Lächeln absolut kein Reflex, sondern echt und ehrlich. Und wenn jemand, den sie nicht mochte, (da gab es eine bestimmte Schwester vom Pflegepersonal) versorgte, oder ihr das Essen reichte, dann verzog sie ihr Gesicht und kniff den Mund zu, oder schlug die Hände weg, die sie anfassen wollten. Wenn sie Schmerzen hatte, wimmerte sie und wenn sie traurig war, weil sie nach Worten suchte, die sie nicht mehr fand, um sich mitzuteilen, oder wenn wir uns verabschiedet haben, dann liefen ihr manchmal wortlos Tränen über die Wange.
Ich tat mich sehr schwer mit dem LOSLASSEN. Das muss man erst mal realisieren, und zwar mit beiden Sinnen: Mit Herz UND Verstand !!
 

Es war im Dezember 2015, an einem Mittwoch...
Alles war hübsch geschmückt im Pflegeheim und die weihnachtliche Atmosphäre war nicht zu übersehen. Das Personal und die Damen von der Beschäftigung waren so emsig und euphorisch in Weihnachtsstimmung, es war schön anzusehen. Und alle waren sehr zuvorkommend an diesem Tag und so nett, sie waren immer nett und liebevoll dort, aber an diesem Tag war es irgendwie anders....
Meine Mama- unsere Omi- schlief als wir in ihr Zimmer kamen. In den letzten Tagen schlief sie sehr viel. Sie verbrachte die meiste Zeit des Tages im Bett, es strengte sie zu sehr an im Rollstuhl im Aufenthaltsraum zu sitzen. Wir setzten uns zu ihr ans Bett und streichelten ihre Wange. Als sie aufwachte, umherschaute und wahrgenommen hatte, dass jemand an ihrem Bett saß, der sie anlächelte, lächelte auch sie. Wir erzählten mit ihr, streichelten ihre Hände, sangen ihr etwas vor und lasen aus einem Märchenbuch eine Geschichte vor. Zwischendurch hatte stets etwas anderes ihre Aufmerksamkeit. Sie schaute ganz intensiv und mit einem strahlendem Lächeln "etwas" an, was für unsere physischen Augen nicht sichtbar war, reichte beide Hände nach oben und Tränen liefen über ihr Gesicht.
Ich wusste, jemand reichte meiner Mutter die Hand um ihr auf die andere Seite zu helfen.
Oh man, meine Tochter und ich sahen uns an und sie sagte zu mir:
"Mama, nun bist Du dran !"
"Ja" !! antwortete ich "Nun war ich dran. Ich musste meine Mutter loslassen, ich musste sie jetzt gehen lassen...."

Ich streichelte meiner Mutter über die Wange und sagte zu ihr:
"Mama ich liebe Dich, das weißt Du, ich liebe dich so sehr, und wenn Du jetzt gehen möchtest, dann darfst du gehen. Such` dir die schönste Zeit des Jahres aus- die Weihnachtszeit, wie Papa." 

(Mein Vater und meine Schwiegermutter sind beide am gleichen Tag,
Heiligabend 2002 gestorben). Ich hatte nun auch irgendwie das Gefühl, dass auch meine Mutter zur Weihnachtszeit sterben würde.

Knapp eine Woche später, am frühen Morgen des 16. Dezembers, kam ein Anruf aus der Klinik. Meine Mutter ist mit starken Schmerzen mit der Rettung eingeliefert worden. Mein Mann und ich machten uns sofort auf den Weg. Als wir in der Klinik ankamen, war meine Mutter bereits verstorben. Sie erlag einem Herzinfarkt !
Es tat mir unendlich leid, dass sie noch so starke Schmerzen hatte. Als mich die behandelnde Ärztin anrief, hörte ich im Hintergrund meine Mutter ganz laut weinen...
es hat mir das Herz zerrissen.
Als heute noch gestern war,
begaben sich die Engel auf die Reise
um dein und mein Herz zu tragen.
Deines trugen sie gen` Himmel,
in das ewige Licht,
und meines hielten sie,
damit es nicht zerbricht. 

- Petra Franziska Killinger-

Diesen kommenden wunderschönen Nachruf hat mein Sohn für seine allerliebste und beste Omi geschrieben, der Text sagt alles aus, wie sie als Oma war, und es ist eine der schönsten Liebeserklärungen von einem Enkel an seine Omi !!
Der Text wurde von unserem Pfarrer bei der Trauerfeier verlesen, dafür waren wir sehr dankbar, es hätte niemand aus unserer Familie gekonnt:

  Liebe Omi,

von deinem Enkelkind an die beste Oma der Welt. 
Alles machtest du für mich, nichts war unmöglich für dich. 
Wollte ich Indianer sein, brachtest du ein Tipi heim. Ein tapferer Ritter in schillernder Rüstung, dein Haus war meine Burg und Festung. In deinem Garten konnte ich jedes Gemüse essen,
jede Frucht naschen. 
Und wenn das Tarantelzimmer zu gruselig war,
durfte ich, auch noch mit 
Freundin, in eurer Mitte schlafen,
es war so wunderbar. 
Milchnudeln haste mir gemacht,
selbst mitten in der Nacht. 
Beim kleinsten Husten von mir,
gab es Milch mit Honig von dir. 
Liebe Oma,
dein Enkel war ich gern,
du warst die beste Oma der Welt!
....mit einmal zog der Nebel auf. Und als er immer dichter wurde, 
waren wir allein. Du mehr als ich.
Doch fürchtete ich mich, dich so zu sehen und 
konnte so nicht zu dir gehen....
.
..wollte nur noch mal von dir meinen Namen hören,
doch das ging nicht mehr ! Ich gäbe alles dafür her,
wenn ich noch mal ein kleiner Junge wär, 
und bei dir,
liebes Omilein, möchte ich noch mal Zuhause sein.
 Heute werden wir von dir Abschied nehmen,
werden dich niemals wieder sehen. Du hast früher immer gesagt,
wenn du einmal ein Engel bist, 
dann schaust du auf mich runter. Nun ist es soweit. Der Nebel ist verzogen, alles ist
wieder klar und nun bist du weg geflogen
und mit Opa ein Engelspaar.
Oh Oma, du fehlst mir schon sehr lange...
Dein Enkelkind

Tiergeschichten, Charlotte, Bärenelfe,