Der Bär und die Elfe
Samstag, 6. Juni 201
Nichts ging mehr, meine Kraft war zu Ende.
Unsere Nächte waren zu kurz und unsere Tage zu lang. Ich brauchte Hilfe,
jetzt gleich und ganz schnell, sonst würde ich umfallen.
Ich bat um ein Gespräch in der Tagespflege, in die meine Mutter zu dem Zeitpunkt ging. Es waren nette und kompetente, und vor allem ausgebildete Kräfte, an wen hätte ich mich sonst wenden können, und schon während des Gesprächs stand fest, dass eine Veränderung der Situation nur von meiner Seite aus erfolgen konnte.
Da stand ich nun mit meinem Talent….keine Kraft mehr weiterzumachen, aber auch unfähig eine solche Entscheidung zu treffen.
Ich hätte mir gewünscht, dass mir diese wahnsinns schwierige Entscheidung irgendwer abgenommen hätte.
Am liebsten hätte ich mir ein Loch gegraben, wäre reingesprungen und dort sitzen geblieben, bis mich nach einiger Zeit jemand wieder ausbuddelt und zu mir sagt:
ALLES IST GUT, KANNST RAUSKOMMEN !
Jegliche Hilfe die man mir schon angeboten hatte, reichte nicht mehr aus.
Denn es waren da immer noch die Wochenenden, und die Nächte, die es zu überstehen galt.
Wir hatten noch einige Tage Verhinderungspflege offen, die wir nicht in Anspruch genommen hatten. Und die kamen uns wie gerufen für eine kurzfristige "Auszeit".
Meine Mama verbrachte die Feiertage und den Jahreswechsel in dem gleichen Seniorenwohnheim in dem mein Schwiegervater war, als Kurzzeitpflegegast. Es ist mir wahnsinnig schwergefallen, sie über die Festtage dort "abgegeben zu haben" und es fühlte sich auch etwas egoistisch an, aber die Tatsachen dass Opa dort auch war, und es ihm gut gefiel und alle sehr nett waren, half mir loszulassen und sie mit einem gutem Gefühl dort zu wissen.
Über Weihnachten ging es meinem Schwiegervater sehr schlecht, er hatte eine Lungenentzündung und durch den schlimmen Husten hatte er eine innere Einblutung unter der Bauchdecke. Er kam gleich nach Weihnachten ins Krankenhaus, Eingriffe, Untersuchungen und neue Termine für den nächsten Eingriff.
Februar 2008
Meine Mutter war ins Seniorenheim eingezogen. Unsere gemeinsame Zeit Zuhause war vorbei.
Wir mussten diese Entscheidung treffen, da es nicht nur unser Leben betraf, sondern auch das meiner Mama, meiner kleinen Elfe.
Als meine Mutter nach ihrer Kurzzeitpflege über den Jahreswechsel wieder bei uns war, ging alles wieder seinen gewohnten Gang.
An Ausschlafen war nun gar nicht mehr zu denken – geschweige denn ans wegfahren mal eben zwischendurch… und sei es nur mal zum Brötchen holen. Man konnte sie ebenso wenig allein zu Hause lassen wie man es auch nicht mit einem kleinen Kind tun würde.
Die Erinnerung an ihre Räumlichkeiten waren nach der kurzen Zeit ihres Heimaufenthaltes fast vollständig ausgelöscht. Ich musste sie zur Toilette begleiten, ins Wohnzimmer, wieder zurück auf die Toilette und so weiter, und stets präsent sein, da ihre Angst allein zu sein noch größer war wie vor der Kurzzeitpflege.
Ihr Verhalten hat mich an meine Kindheit erinnert. Auch ich hatte immer große Angst allein gelassen zu werden. Ich konnte nicht ruhig zu Bett gehen, wenn irgendetwas darauf hindeutete, dass meine Eltern- hauptsächlich aber meine Mutter- noch weggehen könnte. Erst wenn sie ihre Hausschuh anhatte war das für mich ein einigermaßen beruhigendes Gefühl und ich konnte schlafen.
Das gleiche Verhalten legte nun meine Mutter an den Tag. Wenn ich am Abend noch meine Schuhe anhatte, hatte sie Angst, sie könnte allein zu Haus gelassen werden. Zog ich mir nur kurz die Jacke über, um unseren Hund in den Garten zu lassen, hatte sie Angst ich könnte weggehen ohne sie mitzunehmen.
Dann kam dieser besagte Tag….
Oft hatte mich meine Mutter in den letzten Monaten und Jahren unseres Zusammenwohnens in den Arm genommen und sich für alltägliche Kleinigkeiten bedankt. Sie war so dankbar für alles, sie hatte ja auch keine Ahnung von dem was ihre Demenzkrankheit so abverlangte. Sie konnte nichts für ihren Zustand. Und es waren auch nicht nur stressige Zeiten. Sie war so goldig und konnte so schön lachen. Sie war immer noch eine attraktive und hübsche Frau, die nicht zu altern schien.
Die Tage gingen, die schlaflosen Nächte kamen und auch die gingen und aus der gelassenen und geduldigen Tochter wurde wieder ein Nervenbündel, das nur noch funktionierte, mechanisch und ohne Antrieb.
Der Akku war wieder einmal leer, schneller als beim ersten mal und leerer als beim zweiten mal, keine Kapazität mehr, man könnte auch sagen: Akku kaputt !
Ich wusste, dass ein Ortswechsel der mit der Kurzzeitpflege verbunden war, eine erneute Veränderung im Verhalten meiner Mutter mit sich brachte, ich wusste es, und dass dieses sich auch nicht gerade positiv äußern würde, war mir auch klar.
Ich wusste, für demenzkranke Menschen war es sehr wichtig, dass die Tagesabläufe, wenn möglich, stets nach dem gleichen Schema ablaufen sollten. Schon kleinste Veränderungen können dazu führen, das alles schräg läuft.
Doch was sollten wir in unserer damaligen Situation tun, man denkt in dem Moment bestimmt nicht an das „Hinterher“ man hat nur ein einziges Ziel vor Augen- RAUS aus dieser Situation !!
Man ist dankbar für jede Hilfe die der Himmel schickt und greift einfach zu.
In den darauf folgenden schlaflosen Nächten hatte ich viel Zeit nachzudenken, was das beste wäre für uns alle, für Oma, für unsere Ehe, und für unsere Familie, denn unsere Familie besteht aus 5 erwachsenen Kindern und, zu der Zeit, aus 3 Enkelkindern, deren Großelternpflichten und Freuden wir noch nie so richtig nachkamen.
Die Entscheidung war in einer Nacht gefallen, die schöner nicht hätte sein können:
Sternenklarer Himmel, und minus 7°C draußen.
Ich saß in meinem „Lesesessel“ am warmen Ofen und lauschte was sich im Haus tat, und wartete darauf, entweder in die Räumlichkeiten meiner Mutter rüber zu müssen, um sie wieder ins Bett zu begleiten, oder mich doch noch einmal in mein Bett legen zu können.
Der Mond lugte durchs Fenster ins Wohnzimmer und spendete mir sein Licht, so dass ich nicht ganz im Dunkeln dasaß. Meine Gedanken drehten sich im Kreis und fuhren gleichzeitig Achterbahn, und immer wieder hämmerte in meinem Kopf der Satz: „Wie geht es weiter, was sollte ich tun ??“
Ich dachte an ein schönes Gedicht welches mir eine Freundin einmal geschickt hatte und ich musste weinen, ich weinte, und es war, als öffneten sich alle Schleusen, die ich zuvor mit Stahlmauern aus Pflichtbewusstsein und Liebe aufrecht gehalten hatte:
Wenn deine Mutter alt geworden,
und älter du geworden bist,
wenn ihr, was früher leicht und mühelos,
nunmehr zur Last geworden ist,
wenn ihre lieben, treuen Augen,
nicht mehr wie einst ins Leben seh'n,
wenn ihre Füße, kraftgebrochen,
sie nicht mehr tragen woll'n beim Geh'n,
dann reich ihr deinen Arm zur Stütze,
geleite sie mit froher Lust,
die Stunde kommt, da du sie weinend
zum letzten Gang begleiten musst.
Und fragt sie dich, so gib ihr Antwort,
und fragt sie wieder, - sprich auch du,
und fragt sie nochmals, -steh' ihr Rede,
nicht ungestüm,..... in sanfter Ruh!
Und kann sie dich nicht recht verstehen,
erklär ihr alles frohbesagt,
die Stunde kommt, die bitt're Stunde,
da dich ihr Mund nach nichts mehr fragt.
Als ich das Gefühl hatte, keine Tränen mehr zu haben, und wieder tief genug Luft holen konnte, um meine Gedanken zu ordnen, wusste ich, klar und deutlich, was ich tun musste und dass mir diese Entscheidung auch niemand abnehmen konnte….
Wir bekamen spontan einen schönen Platz in dem Seniorenwohnheim in dem meine Mutter schon in der Kurzzeitpflege war und in dem auch mein Schwiegervater jetzt wohnte. Der Tag, an dem ich die Verantwortung für meine Mutter in die Hände geschulter Pflegekräfte übergab, war ein Tag der mir immer in meiner Erinnerung bleiben wird. Er war so emotionsgeladen und unvergessen.
Die Koffer, Taschen und persönlichen Dingen meiner Mutter waren gepackt, und wir machten uns auf den Weg. Es ging zuvor noch zum Frisör zur Dauerwelle und anschließend in die Eisdiele. Wir bestellten uns jeder einen großen Eisbecher und meine Mama konnte ihr Glück über ihren tollen, bunten Eisbecher mit Schirmchen und Waffel kaum fassen. Sie war ganz sprachlos und verzückt darüber, es war so schön, und gleichzeitig so traurig, es war wie ein Abschiedsessen. Ich hab‘ mit meinen Tränen kämpfen müssen und hatte ein scheiß Gefühl dabei.
Die Ankunft im Heim erklärte ich meiner Mutter damit, dass wir Opa besuchten, denn mir fielen die passenden Worte nicht ein, wie ich es ihr hätte sagen sollen, dass ich der Aufgabe nicht mehr gewachsen war, mich um sie zu kümmern, ich fühlte mich in dem Moment so feige....und als Verrätertochter.
Und das erste mal war ich dankbar dafür, dass die Demenzkrankheit es mit sich brachte, dass man in solchen Situationen auf Notlügen zurückgreifen konnte.
Meine Mutter hat sich sehr gefreut meinen Schwiegervater wiederzusehen, und die Räumlichkeiten waren ihr auch noch ein ganz klein wenig vertraut von ihrer Kurzzeitpflege über die Weihnachtsfeiertage.
Während meine Mama schon mit den anderen Bewohnern ihr Mittagessen einnahm, gleich so als wäre es das Normalste überhaupt, verstauten eine Pflegerin und ich den Inhalt ihrer Taschen und Koffer in ihrem zugewiesenen Schrank in ihrem Zimmer. Ich stellte ihr Kuscheltier auf ihr Bett, strich mit der Hand über ihr Kopfkissen und verließ das Zimmer.
Ich verabschiedete mich von ihr, sagte ihr ich käme bald wieder, und ich ging ! Ich ließ sie zurück ! Ich ließ sie im Seniorenheim zurück für den Rest ihres Lebens und ich wusste, ich hatte das Richtige getan...
Ruhe kehrte ein. Wir konnten uns zu Anfang nicht so ganz an unsere neue Situation gewöhnen, wussten es aber zu schätzen. Die Jahre zuvor liefen die Tage nach einem bestimmten Zeitplan ab, das war für unsere beiden Oldie`s sehr, sehr wichtig. Für meine Mutter weil es für demenzkranke Menschen so sehr wichtig ist, dass sich der Tagesablauf so wenig wie möglich verändern sollte, das erwähnte ich schon, und für meinen Schwiegervater, weil auch er schon sein ganzes Leben lang strukturiert war, und keine krassen Abweichungen mochte, er wurde dann sehr ungehalten. Man hatte jetzt Zeit- und doch keine Zeit. Es gab so viele Dinge, die man hätte ausgiebig tun können, bummeln gehen, frühstücken wann immer man wollte, lange Spaziergänge im Wald was ich so liebte, im Wohnzimmer essen beim Fernseh gucken…
Verabredungen treffen. Und was tat man...
nicht‘s von all dem !
Wir dachten zuviel nach, ließen alles immer wieder Revue passieren, wir schliefen lange, wir grübelten, und mussten erstmal alles realisieren.
Es verging kein einziger Tag an dem ich nicht an Oma und Opa dachte, an dem sie nicht präsent waren und auch heute denke ich noch oft an die beiden, voller Dankbarkeit und Liebe. Und ich weiß, ich würde alles noch einmal machen, mich dafür entscheiden unsere Eltern zu uns zu nehmen.
Jetzt erst recht, denn ich habe dazugelernt, nicht nur allein durch meine Erfahrungen mit Oma und Opa, ich habe mich 2016 zum Demenzbegleiter ausbilden lassen, etwas besseres hätte ich nicht tun können. Heute weiß ich, dass es eine Chance war, die ich ergreifen sollte, um Erlebtes zu verarbeiten, mit dem Hintergrundwissen aus meinen selbst erlebten Erfahrungen. Viele andere hätten um diesen Job einen großen Bogen gemacht, nach all den Jahren...
Alles hat seine Zeit
Die Jahre vergingen und sie hinterließen ihre Spuren bei unseren Eltern.
Mein Schwiegervater hatte noch einige Krankenhausaufenthalte, die auch ihre Spuren bei ihm hinterließen, körperlich, wie auch kognitiv.
Er wurde zunehmend eigensinniger und brummiger und die Gedankengänge wurden wunderlich, obwohl man sagen könnte, er war bis zuletzt klar im Kopf.
Er verscherzte es sich mit einigen Verwandten und auch mit einigen Schwestern vom Pflegepersonal. Das Verhältnis zwischen Vater und Sohn kühlte sich sehr ab, und er hatte kaum noch Freunde im Heim.
Ich hingegen hatte ein sehr entspanntes Verhältnis zu ihm. Auch mich hat er oftmals mit Worten sehr verletzt, und angegriffen in der Zeit als wir noch zusammenwohnten, und trotzdem haben wir früher oder später immer wieder zueinander gefunden. Er war ein Brummbär, aber auch er hatte ein Herz, ein Herz dass Liebe empfangen und geben konnte !
2013 hatten wir das Gefühl, dass der Gesundheitszustand meines Schwiegervaters zunehmend schlechter wurde.
Er stürzte oft, und trug Prellungen und blaue Flecken davon. Auf unsere Fragen was denn mit ihm los sei, antwortete er nur ausweichend, er würde sehr oft schwindelig werden, durch seine Kopfschmerzen, (die er auch schon viele Jahre hatte, aber die ohne Befund blieben).
Auf Rücksprache mit dem Pflegepersonal konnten sie uns auch nichts anderes berichten.
Bis uns dann im Herbst 2013 die Pflegedienstleitung um ein Gespräch bat.
Sie bat uns ausdrücklich darum, unseren Vater nicht mehr mit Alkohol zu versorgen und mit ihm zu reden, dass er den Wodka weglassen solle !!
Er bekäme, wenn er es wünschte, jeden Abend seine Flasche Bier zum Abendbrot oder beim Fernseh gucken, das würde ausreichend sein.
Das waren also die Schwindelanfälle, die meist am Abend kurz vorm Schichtwechsel auftraten, er war betrunken und Wodka hinterlässt nur eine geringe Alkoholfahne. Jetzt hatte alles einen Namen, die Stürze, die morgendliche Übelkeit mit übergeben beim Waschen und Duschen, waren die Nachwirkungen, man könnte auch sagen: er war verkatert. Was für jede Schwester eine Zumutung sein musste, wenn er sich beim Waschen vor ihren Füßen erbrach.
Wir waren ersteinmal sprachlos, denn das war ganz und gar neu,
Opa und ein Alkoholproblem ?? !!! Das hatte andere Gründe, die wir alsbald rausfanden.
Mein Mann und ich suchten das Gespräch mit ihm und er fühlte sich erstmal "ertappt", kam aber dann auch gleich raus damit, was es mit den "harten Sachen" auf sich hatte.
Er hatte absolut keine Lust mehr auf dieses, wie er es nannte " beschissene Leben", und fand diesen Weg den besten, der Alkohol betäubte seine Schmerzen und er brauchte nicht mehr nachzudenken und wenn es sich nicht mit seinen Tabletten verträgt, dann könne er endlich gehen, nur eine Frage der Zeit, wie er sagte. Er hat uns niemals verraten wer ihm den Wodka mitgebracht hatte, wir konnten es ihm aber auch nicht verbieten. In seinem Zimmer fanden wir später auch keine einzige Flaschen mehr.
Mein Schwiegervater ist im Februar 2014 im Alter von 95 Jahren gestorben, sanft und leise ist er eingeschlafen.
Sein Wunsch war es, in einem Friedwald beigesetzt zu werden. Diesem Wunsch sind wir selbstverständlich nachgekommen und ich muss sagen, ich hätte mir keinen schöneren Ort für seine letzte Ruhestätte wünschen können, als dort. Er war ein Naturmensch, er liebte die Bäume, die Tiere und Blumen und dieser Wald gibt ihm all das.
Meine kleine Elfe....
(Spätsommer 2015)
Meine Mutter war nun mittlerweile 86 Jahre alt und konnte sich nur noch sehr schwer artikulieren. Trotzdem waren wir der Meinung, dass sie mehr wahrnahm, als man ihr zugestehen mochte. Sie saß an manchen Tagen in ihrem Rollstuhl, meist aber lag sie in ihrem Bett, ganz nach Tagesform. Auch an ihr waren die Jahre nicht spurlos verbeigezogen, die Krankheit hat ihren Tribut gefordert.
Wenn wir sie besuchten, schaute sie uns an und lächelte meist. Wir redeten mit ihr, sangen ihr vor oder lasen ihr aus einem Märchenbuch vor. Wir streichelten ihre Hände und cremten sie ein. Meist waren ihre Hände verkrampft, wenn wir sie streichelten und eincremten, entspannten sich ihre Hände.
Sie freute sich wenn sie Besuch bekam, sie lächelte ganz viel. An manchen Tagen hatte ich dann auch mal den Eindruck, heute erkennt sie uns...
Wir sprachen viel mit ihr, erzählten ihr aus ihrer Vergangenheit und Jugendzeit. Sie hörte zu und schaute uns manchmal an, als wolle sie antworten, findet aber die Worte nicht mehr.
Wenn ich bei ihr war lächelte ich, wenn ich nach Hause fuhr, musste ich oft weinen...
Im Spätsommer 2015 haben wir unsere Besuche intensiviert.
Meine Tochter und ich hatten es irgendwie im Gefühl, dass sie bald gehen würde. Manchmal ist es nur so ein Gefühl....
Sie bewohnte ihr 2-Bettzimmer mittlerweile alleine. Wir waren sehr oft bei ihr, und hatten auch die Kleinen oft mit. Sie sangen Lieder für sie oder haben ihr aus einem Märchenbuch etwas vorgelesen.
Und manchmal hatten wir das Gefühl, es wäre noch jemand mit im Raum, den nur Oma sehen konnte....
Sie beugte sich dann zur Seite und schaute lächelnd an uns vorbei, oder reichte mit ihrer Hand nach oben um (nach) etwas oder jemanden zu greifen. Wir wissen ja, dass wir NIE alleine gehen müssen wenn unsere Zeit gekommen ist. Unsere vorausgegangenen Lieben holen uns ab und begleiten uns "nach Hause".
Wir sollten sie loszulassen, wenn ihre Zeit gekommen ist, und das ist nicht so einfach wie es sich anhört und ganz unabhängig vom Krankheitsbild. Ich für mich kann nur sagen: So wie meine Mutter zu dem Zeitpunkt dalag, war es kein würdevolles Leben mehr. Kaum mehr etwas registrieren, sich nicht mehr artikulieren können, auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen sein, und alles ertragen müssen, auch wenn es manchmal nicht zu ertragen war.
Und wie ich schon zuvor erwähnte, demente Menschen bekommen mehr mit als wir ihnen zugestehen. Wenn meine Mutter in ihrem damaligen Zustand lächelte, dann war dieses Lächeln absolut kein Reflex, sondern echt und ehrlich. Und wenn jemand, den sie nicht mochte, (da gab es eine bestimmte Schwester vom Pflegepersonal) versorgte, oder ihr das Essen reichte, dann verzog sie ihr Gesicht und kniff den Mund zu, oder schlug die Hände weg, die sie anfassen wollten. Wenn sie Schmerzen hatte, wimmerte sie und wenn sie traurig war, weil sie nach Worten suchte, die sie nicht mehr fand, um sich mitzuteilen, oder wenn wir uns verabschiedet haben, dann liefen ihr manchmal wortlos Tränen über die Wange.
Ich tat mich sehr schwer mit dem LOSLASSEN. Das muss man erst mal realisieren, und zwar mit beiden Sinnen: Mit Herz UND Verstand !!
Es war im Dezember 2015, an einem Mittwoch...
Alles war hübsch geschmückt im Pflegeheim und die weihnachtliche Atmosphäre war nicht zu übersehen. Das Personal und die Damen von der Beschäftigung waren so emsig und euphorisch in Weihnachtsstimmung, es war schön anzusehen. Und alle waren sehr zuvorkommend an diesem Tag und so nett, sie waren immer nett und liebevoll dort, aber an diesem Tag war es irgendwie anders....
Meine Mama- unsere Omi- schlief als wir in ihr Zimmer kamen. In den letzten Tagen schlief sie sehr viel. Sie verbrachte die meiste Zeit des Tages im Bett, es strengte sie zu sehr an im Rollstuhl im Aufenthaltsraum zu sitzen. Wir setzten uns zu ihr ans Bett und streichelten ihre Wange. Als sie aufwachte, umherschaute und wahrgenommen hatte, dass jemand an ihrem Bett saß, der sie anlächelte, lächelte auch sie. Wir erzählten mit ihr, streichelten ihre Hände, sangen ihr etwas vor und lasen aus einem Märchenbuch eine Geschichte vor. Zwischendurch hatte stets etwas anderes ihre Aufmerksamkeit. Sie schaute ganz intensiv und mit einem strahlendem Lächeln "etwas" an, was für unsere physischen Augen nicht sichtbar war, reichte beide Hände nach oben und Tränen liefen über ihr Gesicht.
Ich wusste, jemand reichte meiner Mutter die Hand um ihr auf die andere Seite zu helfen.
Oh man, meine Tochter und ich sahen uns an und sie sagte zu mir:
"Mama, nun bist Du dran !"
"Ja" !! antwortete ich "Nun war ich dran. Ich musste meine Mutter loslassen, ich musste sie jetzt gehen lassen...."
Ich streichelte meiner Mutter über die Wange und sagte zu ihr:
"Mama ich liebe Dich, das weißt Du, ich liebe dich so sehr, und wenn Du jetzt gehen möchtest, dann darfst du gehen. Such` dir die schönste Zeit des Jahres aus- die Weihnachtszeit, wie Papa."
(Mein Vater und meine Schwiegermutter sind beide am gleichen Tag,
Heiligabend 2002 gestorben). Ich hatte nun auch irgendwie das Gefühl, dass auch meine Mutter zur Weihnachtszeit sterben würde.
Knapp eine Woche später, am frühen Morgen des 16. Dezembers, kam ein Anruf aus der Klinik. Meine Mutter ist mit starken Schmerzen mit der Rettung eingeliefert worden. Mein Mann und ich machten uns sofort auf den Weg. Als wir in der Klinik ankamen, war meine Mutter bereits verstorben. Sie erlag einem Herzinfarkt !
Es tat mir unendlich leid, dass sie noch so starke Schmerzen hatte. Als mich die behandelnde Ärztin anrief, hörte ich im Hintergrund meine Mutter ganz laut weinen...
es hat mir das Herz zerrissen.
Als heute noch gestern war,
begaben sich die Engel auf die Reise
um dein und mein Herz zu tragen.
Deines trugen sie gen` Himmel,
in das ewige Licht,
und meines hielten sie,
damit es nicht zerbricht.
- Petra Franziska Killinger-
Diesen kommenden wunderschönen Nachruf hat mein Sohn für seine allerliebste und beste Omi geschrieben, der Text sagt alles aus, wie sie als Oma war, und es ist eine der schönsten Liebeserklärungen von einem Enkel an seine Omi !!
Der Text wurde von unserem Pfarrer bei der Trauerfeier verlesen, dafür waren wir sehr dankbar, es hätte niemand aus unserer Familie gekonnt:
Liebe Omi,
von deinem Enkelkind an die beste Oma der Welt.
Alles machtest du für mich, nichts war unmöglich für dich.
Wollte ich Indianer sein, brachtest du ein Tipi heim. Ein tapferer Ritter in schillernder Rüstung, dein Haus war meine Burg und Festung. In deinem Garten konnte ich jedes Gemüse essen,
jede Frucht naschen. Und wenn das Tarantelzimmer zu gruselig war,
durfte ich, auch noch mit Freundin, in eurer Mitte schlafen,
es war so wunderbar. Milchnudeln haste mir gemacht,
selbst mitten in der Nacht. Beim kleinsten Husten von mir,
gab es Milch mit Honig von dir. Liebe Oma,
dein Enkel war ich gern,
du warst die beste Oma der Welt!
....mit einmal zog der Nebel auf. Und als er immer dichter wurde,
waren wir allein. Du mehr als ich.
Doch fürchtete ich mich, dich so zu sehen und konnte so nicht zu dir gehen....
...wollte nur noch mal von dir meinen Namen hören,
doch das ging nicht mehr ! Ich gäbe alles dafür her,
wenn ich noch mal ein kleiner Junge wär, und bei dir,
liebes Omilein, möchte ich noch mal Zuhause sein.
Heute werden wir von dir Abschied nehmen,
werden dich niemals wieder sehen. Du hast früher immer gesagt,
wenn du einmal ein Engel bist, dann schaust du auf mich runter. Nun ist es soweit. Der Nebel ist verzogen, alles ist
wieder klar und nun bist du weg geflogen
und mit Opa ein Engelspaar.
Oh Oma, du fehlst mir schon sehr lange...
Dein Enkelkind